Hunger und Armut lastet auf den Schultern der Bevölkerung
Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass rund 89 % der Kubaner*innen in extremer Armut leben. Das entspricht über 9 Millionen Menschen. Das durchschnittliche Einkommen der Kubaner*innen reicht häufig nicht einmal für das Nötigste, wie Lebensmittel, Transport oder eine stabile Wohnsituation. Viele Menschen versuchen von Tag zu Tag zu überleben. Familien müssen Mahlzeiten reduzieren und sind abhängig von Geldsendungen aus dem Ausland oder von der informellen Wirtschaft. Der Alltag ist von Engpässen geprägt. In der Hauptstadt gibt es oft mehr als 20 Stunden am Stück keinen Strom, in den ländlichen Teilen des Landes sogar bis zu 72 Stunden, schildert García Morris. Das beeinträchtigt die Lebensqualität der Bevölkerung massiv und erschwert den Betrieb von Krankenhäusern, Schulen und Lebensmittellagern. Zudem führt der Treibstoffmangel zu regelmäßigen Ausfällen des Nahverkehrs und legt die lokale Landwirtschaft lahm. Über 70 % der Menschen haben keinen verlässlichen Zugang zu sauberem Wasser. Auch die Müllentsorgung ist vielerorts zusammengebrochen mit Folgen für Hygiene, Umwelt und Gesundheit.
Besonders betroffen sind ältere Menschen, Familien und Menschen mit Behinderung
Mehr als ein Viertel der kubanischen Bevölkerung ist über 60 Jahre alt. Viele ältere Menschen leben allein und müssen trotz ihres Alters weiterarbeiten, weil die Renten kaum zum Überleben reichen. Zudem sind nur noch knapp ein Drittel der essenziellen Medikamente verfügbar. Menschen mit chronischen Erkrankungen sind besonders schwer betroffen. Gleichzeitig verlassen immer mehr Fachkräfte und insbesondere Ärzt*innen das Land. Es fehlen Pflegeangebote und stabile soziale Netzwerke als Folge von Abwanderung, Armut und dem Rückzug staatlicher Unterstützung. Die Belastung der Familien, vor allem der Frauen, nimmt stark zu. Viele können nur eine Mahlzeit am Tag zu sich nehmen und ein großer Teil der Kinder leidet stark unter der Lebensmittelknappheit. Obst, Gemüse oder proteinhaltige Lebensmittel sind für viele kaum verfügbar. Schulen, die früher als sozialer Schutzraum fungierten, sind heute stark marode und Lehrkräfte fehlen. Ganztageseinrichtungen, oft für besonders schutzbedürftige Kinder, versuchen unter extremen Bedingungen ein Mindestmaß an Betreuung zu sichern. Barrierefreie Mobilität, Hilfsmittel wie Rollstühle oder Hörgeräte und soziale Unterstützung für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige sind kaum noch verfügbar.
Internationale Solidarität ist gefragt
Die Direktorin des CCRD-Kuba mahnt, die aktuelle Situation in Kuba nicht nur als schwierige Phase anzusehen: „Sie ist ein Wendepunkt mit langfristigen Auswirkungen auf das Wohlergehen von Millionen von Menschen. Die Komplexität dieser Krise anzuerkennen, ist unerlässlich, um wirksame Maßnahmen zu entwickeln, die auf den Lebensrealitäten der kubanischen Bevölkerung basieren.” Um die multidimensionale Krise zu lösen, braucht es Schutz für die Bevölkerung, ein Ende staatlicher Gewalt sowie umfassende Reformen, die mehr Freiheit und eine bessere Regierung ermöglichen. Auch bei der internationalen Zusammenarbeit muss der Fokus auf den Bedürfnissen und der Würde der Menschen liegen. „Aktuell kommt internationale Solidarität und humanitäre Unterstützung zu einem kritischen Zeitpunkt”, sagt García Morris, „denn sie löst die Krise zwar nicht allein, schützt aber Leben und stärkt lokale Kapazitäten. Sie bringt Hoffnung dorthin zurück, wo sie am dringendsten gebraucht wird.” Genau deshalb ist jetzt unser solidarisches Handeln wichtig.