Kürzungen trotz Krisen
Am 29. April 2026 stellt der Bundesfinanzminister die Eckwerte des Haushalts 2027 vor. Erneut drohen massive Kürzungen beim Etat für Entwicklungszusammenarbeit. Auch die Mittel für humanitäre Hilfe könnten weiter sinken – trotz der vielen globalen Krisen wurden seit 2022 hier mehr als 70 Prozent gestrichen. Statt Kürzungen brauche es Aufwüchse, fordern die Entwicklungsorganisation ONE und VENRO, der Dachverband entwicklungspolitischer und humanitärer Organisationen, stellvertretend für über 150 zivilgesellschaftliche Organisationen. Ansonsten könnten mühsam erarbeitete Erfolge der Entwicklungszusammenarbeit zunichtegemacht werden und Millionen Menschen ihr Leben verlieren.
Angesichts der kritischen Lage und großen Bedarfe fordern VENRO und ONE die Bundesregierung auf, die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe im Haushalt 2027 aufzustocken. Für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) braucht es im kommenden Jahr einen Etat von mindestens 11,2 Milliarden Euro. Die Finanzierung humanitärer Hilfe muss auf mindestens 2,8 Milliarden Euro steigen.
Globale Auswirkungen schrumpfender Entwicklungsfinanzierung
Laut einer Studie im Fachmagazin The Lancet könnten infolge der einbrechenden Mittel der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (ODA) bis zum Jahr 2030 weltweit bis zu 9,4 Millionen Menschen zusätzlich sterben. Gleichzeitig haben inzwischen 273 Millionen Kinder keinen Zugang zu Bildung – eine Zahl, die bereits im siebten Jahr in Folge weiter steigt. Zudem sind weltweit schätzungsweise 239 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, während nach Angaben von UN OCHA für das Jahr 2026 bislang lediglich rund zehn Prozent der für ihre Versorgung notwendigen Mittel bereitgestellt wurden.
Die drohenden Kürzungen haben damit reale Konsequenzen für die Lebenschancen von Menschen weltweit. Dies wird nicht zuletzt deutlich, wenn man sich einige Erfolge anschaut, die durch Entwicklungszusammenarbeit erreicht werden konnten: Seit dem Jahr 2000 konnten weltweit erhebliche Fortschritte erzielt werden: Die Kindersterblichkeit hat sich mehr als halbiert, während die Müttersterblichkeit im gleichen Zeitraum um über ein Drittel gesunken ist. Krankheiten wie Polio (Kinderlähmung) stehen kurz vor der vollständigen Ausrottung, und HIV gilt dank erschwinglicher Medikamente selbst in ärmeren Ländern nicht mehr als Todesurteil. Auch Infektionskrankheiten wie Malaria und Tuberkulose wurden deutlich zurückgedrängt. Die Situation der Ernährung hat sich ebenfalls verbessert: War 2010 noch jedes dritte Kind aufgrund von Mangelernährung wachstumsverzögert, ist es heute etwa jedes fünfte. Zudem besuchen heute deutlich mehr Kinder eine Schule als früher – insbesondere Mädchen –, selbst in Krisen- und Konfliktgebieten. Der Erhalt dieser Erfolge keineswegs gesichert - Kürzungen in der Entwicklunszusammenarbeit gefährden damit auch das bereits Erreichte.
Gemeinsam mit ONE und VENRO für eine gesicherte Finanzierung
VENRO ist der Bundesverband entwicklungspolitischer und humanitärer Nichtregierungsorganisationen (NRO). Ihm gehören rund 150 deutsche NRO an, die in der privaten oder kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit, der Humanitären Hilfe sowie der entwicklungspolitischen Bildungs-, Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit tätig sind - auch AWO International!
Michael Herbst, Vorstandsmitglied bei VENRO, sagt: „Mit der Agenda 2030 hat sich die Weltgemeinschaft das Ziel gesetzt, die Welt ökologisch, wirtschaftlich und sozial zukunftsfähig zu gestalten. Stattdessen erleben wir in den vergangenen Jahren eine bislang ungekannte Abkehr von diesen Zielen in weiten Teilen der industrialisierten Welt: In den USA und Europa kürzen Regierungen ihre Finanzierung für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe zusammen – mit dramatischen Auswirkungen für Millionen von Menschen. Deutschland als reiche Industrienation muss dieser Versuchung widerstehen und mehr investieren statt weiter zu kürzen. Davon profitieren am Ende auch wir.”
ONE ist eine globale überparteiliche Organisation, die sich für wirtschaftliche Chancen und ein starkes Gesundheitswesen in Afrika einsetzt. Lisa Ditlmann, Deutschland-Direktorin von ONE, sagt: „Die Welt brennt und Deutschland spart bei der Feuerwehr. Vernünftig wäre es jedoch, das Feuer zu löschen bzw. dafür zu sorgen, dass es gar erst nicht entsteht. Die Bundesregierung kürzt ausgerechnet dort, wo sie nachweislich Erfolge feiert: Die Kindersterblichkeit wurde mehr als halbiert, HIV-positive Mütter bringen gesunde Babys zur Welt, viele Kinder, insbesondere Mädchen, besuchen das erste Mal eine Schule. Das alles sind Erfolge der Entwicklungszusammenarbeit, zu denen Deutschland maßgeblich beigetragen hat. Darauf sollten wir stolz sein. Warum Berlin ausgerechnet in dem Bereich sparen möchte, in dem es nachweislich und kontinuierlich Erfolge liefert, ist nicht nachzuvollziehen."
Wir von AWO International stellen uns an die Seite von VENRO und ONE und damit entschieden gegen die drohenden Kürzungen durch die Bundesregierung. Durch unsere Arbeit in der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit wissen wir genau, dass eine gesicherte Finanzierung für die erfolgreiche Durchführung von Projekten unerlässlich ist und jeder Rückgang an Finanzierungsmitteln umittelbare und reale Konsequenzen für diejenigen Menschen haben, die wir durch unsere Arbeit erreichen wollen.