Europa • Mittelmeer

Zivile Seenotrettung im Mittelmeer

Das Rettungsschiff Aquarius von SOS MEDITERRANEE ist seit Februar 2016 mit Unterstützung von AWO International auf dem Mittelmeer unterwegs, um Menschen in Seenot zu retten. Die Bilanz bestätigt, wie dringend notwendig die Einsätze sind: Mehr als 30.000 Menschen wurden bisher gerettet und an Bord versorgt.

Die Crew der Aquarius bei einem Rettungseinsatz im Mittelmeer (Foto: Anna Psaroudakis/SOS MEDITERRANEE)Die Crew der Aquarius bei einem Rettungseinsatz im Mittelmeer (Foto: Anna Psaroudakis/SOS MEDITERRANEE)

Das Mittelmeer hat sich zu einer der Hauptfluchtrouten für Flüchtende nach Europa entwickelt. Und zu einer der gefährlichsten und tödlichsten: Mehr als 5000 Menschen starben 2016 bei ihrer Flucht. „Tausende Menschen fliehen vor Krieg und Gewalt und sterben, weil Europa wegsieht. Es ist unsere humanitäre Pflicht, diesen Menschen zu helfen. Deshalb unterstützen wir SOS MEDITERRANEE“, so Ingrid Lebherz am 4. Februar 2016 bei der Verabschiedung der Aquarius in Bremerhaven. Wenig später ist das Rettungsschiff zwischen Libyen und Italien unterwegs – besetzt mit einem Search-and Rescue- (SAR) und einem medizinischen Team, Rettungsbooten, einer Klinik für die medizinische Erstversorgung und Hunderten von Schwimmwesten. Bis zu 600 Menschen können gleichzeitig an Bord versorgt werden. Die Einsätze finden ausschließlich in Abstimmung mit der Rettungsleitstelle MRCC in Rom statt.

Wir werden dort dringend gebraucht!

Woche für Woche rettet das Team der Aquarius Menschenleben. Die Bilanz seit Februar 2016: In unzähligen Rettungseinsätzen wurden mehr als 19 000 Menschen aus akuter Seenot gerettet und mehr als 27 000 Menschen an Bord versorgt. Mehrere Babys kamen an Bord der Aquarius zur Welt (Stand: März 2018). „Die Aquarius ist eines der wenigen Rettungsschiffe, das aufgrund der Ausstattung auch im Winter voll im Einsatz sein kann“, berichtet Rettungskoordinator Nicola Stella. „Die Flüchtenden auf den Schlauchbooten sind stark geschwächt und unterkühlt. Sie halten es rund 13 bis 15 Stunden auf See aus, dann ist die Gefahr, dass sie sterben sehr hoch. Mit unserer Spezialausrüstung und einer gut ausgebildeten 35-köpfigen Besatzung können wir auch Rettungen in komplizierten Situationen durchführen. Das Schiff hat eine Kapazität von 600 Personen, wir hatten aber schon 1000 Gerettete an Bord“, so Stella.

An Bord werden die Geflüchteten medizinisch und psychologisch betreut. Sie berichten über die Hintergründe ihrer Flucht, über die Überfahrt auf überfüllten und seeuntauglichen Booten, von denen es kaum eines nach Italien schaffen würde, und sie erzählen über das Grauen, das sie in Libyen erlebt haben. Es sind Geschichten des Schreckens, stellvertretend für das Leid vieler. Krieg, Gewalt, Verfolgung, Armut und Perspektivlosigkeit sind die Hauptgründe für eine Flucht. Viele Menschen sehen keinen anderen Ausweg, als ihr Leben zu riskieren und zu probieren, nach Europa zu kommen. In Libyen angekommen, erleben die Menschen die schrecklichste Phase ihrer Flucht. Sie werden dort wie Sklav*innen gehalten. Sie werden ausgebeutet, erpresst, geschlagen, vergewaltigt – oder einfach getötet. „Ich bin erleichtert, dass wir Menschen retten konnten, aber zugleich bin ich tief erschüttert über das, was die Geflüchteten erleiden mussten“, so Klaus Vogel.

Seenotrettung ist kein Verbrechen

Die Diskussionen um die zivile Seenotrettung haben sich in den letzten Monaten verschärft: Humanitäre Helfer*innen werden diffamiert und kriminalisiert, Rettungsschiffe zahlreicher zivilgesellschaftlicher Organisation werden durch die Behörden festgesetzt oder beschlagnahmt – und verhindern damit, dass Menschen in Seenot gerettet werden. Mit Folgen: Der Juni war der bisher tödlichste Monat in diesem Jahr, mehr als 600 Menschen sind ertrunken.

Die Vorwürfe, dass die privaten Seenotretter*innen den Schleusern in die Hände spielen, erweisen sich als haltlos. Auch der sogenannte Pull-Effekt – also, dass durch die zivile Seenotrettung mehr Menschen fliehen oder dazu animiert werden – wurde zum Beispiel durch eine Studie der Oxford-Universität oder einer Untersuchung „Blaming the rescuers“ der an der Universität von London angesiedelten Initiative Forensic Oceanography widerlegt. Die zivile Seenotrettung ist keine Ursache dafür, dass Menschen fliehen, sondern eine Reaktion auf das Massensterben im Mittelmeer. Es ist auch eine Reaktion auf die Verantwortungslosigkeit der europäischen Regierungen, die auf das Sterben im Mittelmeer keine adäquate Antwort gefunden haben. Statt sichere und legale Alternativen für die Menschen, die vor Krieg, Gewalt und Ausbeutung fliehen, zu schaffen, setzt Europa auf Abschreckung und nimmt dabei Tote in Kauf.

Libyen ist kein sicherer Hafen

Bisher war die Rettungsleitstelle in Rom (MRCC) zuständig für die Einsätze zwischen Libyen und Italien. Die Zusammenarbeit mit dem MRCC hat sehr gut funktioniert, berichtete die Crew der Aquarius. Seit Ende Juni hat Libyen eine eigene SAR-Zone (Search and Rescue), die von der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) anerkannt wurde. Italien hat die Koordination der Rettungseinsätze an Libyen übergeben. Europa unterstützt die sogenannte libysche Küstenwache logistisch und mit Geld: 46 Millionen Euro fließen bis 2020 nach Libyen mit dem Ziel, den „Aufbau der Seenotrettungsfähigkeiten“ voranzutreiben: EU-Grenzsicherung um jeden Preis.

Aber ist Libyen ein sicherer Hafen? Seit dem Sturz von Gaddafi im Jahr 2011 gibt es keinen funktionierenden Staat in Libyen, das Land fällt ins Chaos. Es ist ein zerrissenes Bürgerkriegsland, in dem rivalisierende Parteien um die Macht kämpfen und lokale Milizen ganze Regionen beherrschen. Kann Europa es verantworten, einem Bürgerkriegsland wie Libyen, in dem keine Rechtsstaatlichkeit herrscht, die Seenotrettung zu überlassen? In einem Land, in dem Migrant*innen wie Sklaven gehalten werden und auf Märkten verkauft werden?

Geflüchtete beschreiben ihre Zeit in Libyen als „Hölle auf Erden.“ Was sie erleben, ist kaum in Worte zu fassen: Sie werden ausgebeutet, versklavt, vergewaltigt oder einfach erschossen. Die Crew der Aquarius dokumentiert die Schicksale der geflüchteten Menschen. Ihre Berichte bezeugen, dass Libyen eines nicht ist: ein sicherer Hafen. Und auch die Erfahrungen der zivilen Rettungsorganisationen zeigen, dass die sogenannte libysche Küstenwache offensiv und mit Waffengewalt Rettungseinsätze in internationalen Gewässern verhindern wollte bzw. auch für Todesfälle verantwortlich ist. Diese libysche Küstenwache rekrutiert sich zudem oftmals aus lokalen Milizen, die selbst Kontakte zu Schleppern haben.

Menschenleben sind nicht verhandelbar

Zunehmend stehen die Helfer*innen in der Kritik und müssen sich für ihre Arbeit rechtfertigen. Gibt es tatsächlich eine Mehrheit in der Bevölkerung, die Menschenrechte und die Menschenwürde zur Disposition stellt? Umfragen zeigen, dass 3 von 4 Menschen in Deutschland es richtig finden, dass zivilgesellschaftliche Organisationen Flüchtende im Mittelmeer retten. Die Meinungen darüber, was anschließend mit den Geflüchteten passieren soll, gehen auseinander. Die Zahlen zeigen aber, dass Solidarität und Menschlichkeit weiterhin die Basis unserer Gesellschaft sind. Die Aktion Seebrücke – eine Bewegung getragen von verschiedenen Akteur*innen der Zivilgesellschaft - hat in den letzten Wochen in über 100 Städten mehrere Tausende Menschen auf die Straße gebracht, die für die Rettung von Flüchtenden auf dem Mittelmeer protestieren.

Die Rettung von Menschenleben ist kein Verbrechen, sondern unsere humanitäre Pflicht. Dafür stehen wir als AWO International. Deshalb unterstützen wir die zivile Seenotrettung. Die Menschenwürde ist unantastbar – das gilt selbstverständlich auch für Menschen, die auf der Flucht sind, unabhängig davon, was die Ursachen und Gründe der Flucht sind.

AWO International und die AWO als Gesamtverband gehören zu den Unterstützer*innen der ersten Stunde: Als sich SOS MEDITERRANEE 2015 gründete, gehörte Wilhelm Schmidt, Vorsitzender des Präsidiums der Arbeiterwohlfahrt, zu den Erstunterzeichnern eines offenen Briefes zur Unterstützung der Initiative. Er bat uns zu prüfen, welche Möglichkeiten AWO International hat, die Seenotrettung zu unterstützen. Seitdem steht AWO als institutioneller Partner an der Seite von SOS MEDITERRANEE. Unterstützt werden wir dabei von unseren Mitgliedern und Spender*innen.

Unsere Forderungen

  • Die zivile Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden, denn es ist humanitäre Pflicht Menschen in Seenot zu retten
  • Wir fordern von den europäischen Regierungen, sichere und legale Fluchtwege zu schaffen und Genfer Flüchtlingskonvention einzuhalten
  • Wir fordern sichere Häfen und eine menschwürdige Aufnahme von Geflüchteten
  • Wir fordern eine Ausweitung der zivilen Seenotrettung auf dem Mittelmeer und die Etablierung von Such- und Rettungsmechanismen der europäischen Staaten, damit nicht noch mehr Menschen im Mittelmeer sterben

Aktualisiert im Dezember 2018.

Unsere FAQ zur Seenotrettung im Mittelmeer

Projektinfo

ProjektZivile Seenotrettung im Mittelmeer
Ort/Region

Mittelmeer, Seegebiet zwischen dem Süden Italiens und Libyen

PartnerSOS MEDITERRANEE
Aktivitäten
  • Rettung flüchtender Menschen auf dem Mittelmeer
Laufzeitseit 2016
FördererEigenmittel, Aktion Deutschland Hilft

Was Sie auch interessieren könnte