Mittelamerika • Guatemala

Stärkung der Rechte von jungen Migrant*innen in Guatemala

350 Guatemaltek*innen begeben sich täglich auf eine der gefährlichsten Migrationsrouten der Welt, um nach Mexiko oder in die USA zu gelangen. Gemeinsam mit dem Projektpartner ECAP klärt AWO International Migrant*innen über ihre Rechte und sichere Migration auf und leistet psychosoziale Hilfe für Rückkehrer*innen und Familienangehörige in den Herkunftsgemeinden.

Jugendliche bei einem Workshop über sichere MigrationJugendliche erhalten von Projektmitarbeiterin von ECAP in einem Workshop Informationen über die Migrationsrouten, die Gefahren und ihre Rechte. (Foto: AWO International)

Nach Angaben der Weltbank leben fast 60 Prozent der Bevölkerung von Guatemala unterhalb der nationalen Armutsgrenze. In ländlichen Regionen ist der Anteil nochmals höher. Zudem bestimmt die Gewalt ausgehend von lokalen Jugendbanden, sogenannte „Maras“, und häusliche Gewalt den Alltag in Guatemala. In Mittelamerika haben etwa 30 Prozent der Jugendlichen eine Form der Gewalterfahrung gemacht. Bei Frauen liegt die Zahl sogar bei 40 Prozent, und dabei wird die Dunkelziffer weitaus höher geschätzt, da viele sexuelle Übergriffe nicht zur Anzeige kommen.

Armut und Gewalt sind die wesentlichen Faktoren, warum Menschen flüchten. Meist sind es junge, kaum qualifizierte Guatemaltek*innen, die sich auf den Weg machen. Im 2016 waren es etwa 19.000 Kinder und Jugendliche. Jorge aus dem Gemeindebezirk Nentón im Nordwesten Guatemalas war selbst Migrant und ist wieder zurückgekehrt:

„Für mich ist es sehr wichtig, dass wir uns mit dem Thema der Migration auseinandersetzen. Viele Jugendlichen planen ihre Migrationsroute und das, ohne sich ihrer Rechte und den Gefahren bewusst zu sein. Wir müssen uns mit dieser Thematik beschäftigen und Aufklärungsarbeit leisten“

Dieser Thematik nimmt sich der guatemaltekische Projektpartner ECAP (Equipo de Estudios Comunitarios y Acción Psicosocial) an: In den zwei Gemeindebezirken San Martín Jilotepeque und dem Grenzgebiet Nentón arbeitet ECAP zusammen mit Jugendlichen und ihren Familienangehörigen. 

Aufklärung über die Migrationsrealität für selbstbestimmte Migrationsentscheidungen

Eines der Projektziele ist es, die Jugendlichen auf eine aufgeklärte Migration vorzubereiten. Hierfür werden sie in Workshops oder im Rahmen von Kampagnen über mögliche Migrationsrouten, ihre Rechte und die Gefahren aufgeklärt. Denn Gewalt droht nicht nur in den Heimatländern, sondern auch während der Flucht. Die Flüchtenden werden mit Überfällen von kriminellen Banden konfrontiert, da die Grenzgebiete von den „Narcos“ regiert werden. Entführungen, Folter und Ermordungen durch bewaffnete kriminelle Banden in Zusammenarbeit mit lokalen Behörden oder Polizei- und Migrationsbeamten sind an der Tagesordnung. ECAP bereitet die Jugendlichen auf diese Migrationsrealität vor. Langfristiges Ziel ist es, dass diese Aufklärungsarbeit von Migrationskomitees, welche aus Gemeindemitgliedern bestehen, geleistet wird.

Psychosoziale Betreuung zur Verarbeitung der Migrationserfahrungen

Doch auch mit Erreichen des Ziels können die Migrant*innen oftmals nicht aufatmen, denn in vielen Fällen droht die Abschiebung ins Heimatland. Die Situation von Migrat*innen hat sich 2015 durch die verschärfte Einwanderungspolitik der USA zugespitzt. Schärfere Grenzkontrollen und mehr Festnahmen und Abschiebungen sind Folge des gemeinsamen Vorgehens der Regierungen von Mexiko, Guatemala und den USA im Rahmen des Abkommens „Südgrenze“. Bis November 2015 wurden 70.000 Guatemaltek*innen abgeschoben.

ECAP betreut daher auch die Migrationrückkehrer*innen. Minderjährige Rückkehrer*innen werden insbesondere bei der Familienzusammenführung begleitet. Einer der Schwerpunkte der Arbeit von ECAP liegt zudem auf der psychosozialen Betreuung. Rückkehrer*innen erhalten einerseits eine individuelle Betreuung, um das Erlebte auf der Flucht verarbeiten zu können, und haben andererseits die Möglichkeit, sich in Selbsthilfegruppen mit anderen Rückkehrer*innen auszutauschen.

Die Flucht hinterlässt große Wunden bei den Zurückbleibenden

Viele der Familien verlieren den Kontakt zu ihren emigrierenden Angehörigen. ECAP unterstützt die Gemeindemitglieder beim Aufbau von Selbsthilfegruppen von betroffenen Familien, in welchen sie die Möglichkeit haben, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und zu informieren. Zudem hilft der Projektpartner den Familien bei der Suche nach ihren vermissten Angehörigen. Hierbei baut ECAP auf ein großes Netz von Nichtregierungsorganisationen in Guatemala und Mexiko auf, welche sich alle der Migrationsproblematik verschrieben haben. So deckt ECAP mit seiner Arbeit den gesamten Migrationszyklus ab.

Und die Arbeit kommt in den Gemeinden gut an: „Uns ist gar nicht bewusst, wie viele Guatemaltek*innen nach Mexiko oder die USA emigriert sind. Erst durch die Arbeit gemeinsam mit ECAP ist mir klar geworden, wie gravierend die Situation ist. Daher ist es wichtig, dass wir mehr über das Thema der Migration reden, unsere Erfahrungen austauschen und aus diesen lernen“, beschreibt Jorge die Wichtigkeit der Arbeit von ECAP im Gemeindebezirk Nentón.

Projektinfo

ProjektPsychosoziale Betreuung in Herkunftsgemeinden und Stärkung der Rechte von Migrant*innen und ihren Familien in Guatemala
Ort/Region

Gemeinden El Aguacate, Chacaj und Chacula des Gemeindebezirks Nentón (Huehuetenango) und Gemeinden Xesuj, El Molino und El Calvario des Gemeindebezirks San Martín Jilotepeque (Chimaltenango), Guatemala

PartnerECAP
Zielgruppe

Potenzielle Migrant*innen, Rückkehrer*innen und deren Angehörige aus sechs Gemeinden in Guatemala

Aktivitäten
  • Stärkung selbstbestimmter Migrationsentscheidungen und Förderung von „aufgeklärter“ Migration und Prävention vor den Risikofaktoren auf dem Weg durch Mexiko
  • Stärkung von gemeindeorientierten Strukturen, um auf die Auswirkungen der Migration effektiv reagieren zu können
  • Psychosoziale Betreuung von Betroffenen
  • Unterstützung von Familienangehörigen bei der Aufklärung von Fällen von vermissten Migrant*innen
  • Advocacy- und Lobbyarbeit
Laufzeit2016-2018
Budget40.000 Euro p.a.
FördererBMZ

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