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Inklusive Katastrophen­vorsorge in Guatemala

Menschen mit Behinderungen sind besonders gefährdet bei extremen Naturereignissen – insbesondere Kinder und Jugendliche sind den Folgen einer Naturkatastrophe schutzlos ausgeliefert. AWO International unterstützt in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk ACOPEDIS und seinen Mitgliedsorganisationen ein Projekt zur inklusiven Katastrophenvorsorge in Guatemala.

Inklusive Katastrophenvorsorge in GuatemalaJorge Tzunun, selbst stark Sehbehindert, hat einen Verein gegründet, der Braille-Unterricht, Mal-, Musik- und Physiotherapie anbietet. (Foto: Lea Auffarth)

Das Leben vieler Familien mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in Guatemala ist geprägt von Scham und Angst; oftmals werden die Kinder versteckt oder gar angebunden“, berichtet Karin Eder, Büroleiterin von AWO International in Guatemala. Menschen mit Behinderungen haben es in Guatemala schon im Alltag schwer. Doch bei Naturkatastrophen sind sie besonders gefährdet, da kaum auf ihre Bedürfnisse geachtet wird. Und dabei sind Naturkatastrophen in Guatemala keine Seltenheiten: Erdbeben, Dürren, Vulkanausbrüche und auch Erdrutsche und Überschwemmungen kommen regelmäßig vor. Der Weltrisikobericht listet Guatemala auf Platz 4 der am meisten gefährdeten Länder.

ACOPEDIS: Ein Netzwerk zur Inklusion von Menschen mit Behinderung

Sololá, eines der 22 Departaments in Guatemala, ist aufgrund seiner geografischen Lage in besondere Maße von Naturkatastrophen bedroht. Für etwa 90 Prozent der Bevölkerung Sololás besteht die Gefahr, Opfer eines extremen Naturereignisses zu werden. Im Zentrum des Departaments liegt der See Atitlán.Umgeben von Vulkanen und Bergen stellen Erdrutsche und Erdbeben hier die größten Gefahren für die Bevölkerung dar. Daher führt AWO International seit Januar 2015 gemeinsam mit dem Projektpartner ACOPEDIS am See Atitlán ein Katastrophenvorsorgeprojekt durch. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und ihre Familien dabei zu unterstützen, besser auf extreme Naturereignisse vorbereitet zu sein. Dabei arbeitet das lokale Netzwerk mit seinen 14 Basisorganisationen zusammen. Gemeinsames Ziel aller Organisationen ist die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die einzelnen Organisationen setzen dabei jedoch unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Inklusionsarbeit: Während beispielsweise in der staatlich anerkannten Schule ADISA (frühkindliche) Rehabilitation und Physiotherapie für Menschen mit Behinderungen angeboten werden, stellen Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderungen in der Werkstatt des Vereins Artesanos de ADISA Kunsthandwerk her.

Krisensimulationen zur Vorbereitung auf den Ernstfall

Um den Gefahren für die Menschen mit Behinderungen zu begegnen, stellte ACOPEDIS in den ersten beiden Projektphasen von Januar 2015 bis Dezember 2017 Fortbildungsteams zusammen. Diese setzen sich aus Spezialist*innen aus verschiedenen Bereichen, wie zum Beispiel Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und Physiotherapeut*innen, zusammen. In enger Absprache mit den Familien erarbeiteten sie Schulungs- und Fortbildungsmaterialien, die angepasst sind an die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen. In den Fortbildungskursen wurde es dann konkret: In Gruppen arbeiteten sie Notfallpläne aus und übten, wie sie adäquat in Notsituationen reagieren können.

Um auch das Bewusstsein der lokalen Behörden für die Vulnerabilität der Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen in Katastrophensituationen zu steigern, wurden die staatlichen Institutionen zum Katastrophenmanagement auf lokaler und städtischer Ebene (COLRED und COMRED) und die Gemeindevertretung im Krisenmanagement mit Menschen mit Behinderungen fortgebildet. ACOPEDIS erarbeitete gemeinsam mit den Behörden Instrumente, um auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen besser eingehen zu können, und passte die lokalen Katastrophenpläne an.

Denn die Gefahr für Menschen mit Behinderungen Opfer im Falle einer Naturkatastrophe zu werden, ist besonders groß. Für Menschen mit geistiger Behinderung ist es oft nicht einfach, Gefahrensituationen zu erkennen und zu wissen, wie sie sich in solchen Situationen richtig verhalten. Menschen mit Sehbehinderung verstehen zwar, was um sie herum passiert, haben aber Probleme, sich zu orientieren, um zu einem sicheren Ort zu finden. Menschen mit einer körperlichen Behinderung fehlt die nötige Mobilität, um sich an einen sicheren Ort zu bewegen. Gehörlose Menschen hingegen wissen zwar, was zu tun ist, können aber die Warnsignale nicht hören. Daher braucht es seitens der staatlichen Behörden angepasste Instrumente für die Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen, um in Notsituationen adäquat helfen zu können.

Entwicklung von vier inklusiven Modellgemeinden

In der dritten Projektphase (Januar 2018 bis Juni 2019) entwickelt ACOPEDIS vier Modellgemeinden rund um den See Atitlán. Ziel ist es, dass die Gemeinden auf einen Notfalleinsatz vorbereitet sind und in einer Krisensituation angemessen reagieren können. Hierzu werden zum einen die Familien mit Angehörigen mit Behinderungen weiterhin betreut und fortgebildet und auch die zuständigen staatlichen Institutionen für das Thema Inklusion sensibilisiert. Menschen mit Behinderungen sollen nicht nur im Falle einer Krisensituation im besonderen Maße berücksichtigt, sondern auch in Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Zudem werden Baumaßnahmen in einzelnen Wohnhäusern von Familien mit Angehörigen mit Behinderungen umgesetzt, um die Barrierefreiheit von Menschen mit Behinderungen zu verbessern und ihnen dadurch im Falle eines Katastrophenfalls die Flucht zu ermöglichen. Ziel ist es, dass die Modellgemeinden als positives Praxisbeispiel von staatlichen Institutionen auf Departamentebene angesehen werden und als Orientierungshilfe dienen, um das Thema Inklusion in der Katastrophenvorsorge und humanitären Hilfe auch in anderen Gemeinden voranzutreiben.

Um stärkeres Bewusssein in der Bevölkerung und bei staatlichen Institutionen für die Themen Inklusion und Rechte von Menschen mit Behinderung zu schaffen, leistet ACOPEDIS auch Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit. Unter anderem wird der Projektpartner eine Kampagne umsetzen, die die Geschichten und Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen sowohl über Social Media Kanäle als auch über das Radio und Fernsehen erzählt, um so auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen aufmerksam zu machen. Auch die Mitgliederorganisationen von ACOPEDIS sollen bei der Umsetzung diesen Maßnahmen einbezogen werden, um so von staatlichen Behödern als Ansprechpartner im Bereich der Inklusion anerkannt zu werden.

Projektinfo

ProjektInklusive Katastrophenvorsorge in Guatemala
Ort/Region

Sololá, Panajachel, San Andrés Semetebaj, San Lucas Tolimán, Santiago Atitlán, San Pedro La Laguna, San Juan La Laguna, Santa Catarina Iztahucán im Depatamento Sololá, Guatemala

PartnerACOPEDIS
Zielgruppe

400 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung und ihre 2.400 Familienmitglieder, 300 Nachbar*innen, Lehrer*innen und Schüler*innen, Mitglieder von staatlichen Institutionen und Gemeindevertretungen

Aktivitäten
  • Entwicklung von vier Modellgemeinden, die auf ein inklusives Katastrophenmanagement vorbereitet werden
  • Fortbildung von Menschen mit Behinderungen und deren Familien sowie deren näheres Umfeld (z.B. Schule)
  • Fortbildung der Institutionen CODRED und COMRED: Sensibilisierung für die Thematik, Anpassung der Notfallpläne, Erarbeitung von adäquaten Instrumenten für Notsituationen
  • Lobbyarbeit zur Sensibilisierung der Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen unter Einbeziehung der Mitgliederorganisationen von ACOPEDIS
Laufzeit2015-2019
Budget249.450 Euro
FördererAktion Deutschland Hilft

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