Mittelamerika • Guatemala

Hilfe nach dem Ausbruch des Vulkans Fuego

169 Menschen starben beim Ausbruch des Vulkans Fuego am 3. Juni 2018 in Guatemala, Tausende verloren ihre Lebensgrundlage und ihr Zuhause. Gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen vor Ort unterstützen wir auch nach der Soforthilfe die Betroffenen in mehreren Gemeinden.

In diesem Klassenzimmer wohnen und schlafen insgesamt 11 Familien, die Ihre Häuser verloren haben (Foto: AWO International)In diesem Klassenzimmer wohnen und schlafen insgesamt 11 Familien, die Ihre Häuser verloren haben (Foto: AWO International)

Insgesamt sind etwa 1,7 Millionen Menschen vom den Folgen des Vulkanausbruchs betroffen: 86 Prozent haben ihre Lebensgrundlagen oder Geschäfte verloren, fast die Hälfte ihrer gesamten Ernte ist vernichtet. Aus Sicherheitsgründen können mehr als 3.300 Menschen nicht mehr in ihre Häuser zurück. Sie leben in Notunterkünften und in Herbergen. AWO International hat unmittelbar nach dem Ausbruch gemeinsam mit Partnerorganisationen vor Ort erste humanitäre Hilfsmaßnahmen eingeleitet und steht auch weiterhin an der Seite der betroffenen Menschen.

Unsere Partnerorganisation ACCSS arbeitet in den Gemeinden Alotenango und San Pedro Yepocapa. In Alotenango haben einige Familien ihre Häuser zur Verfügung gestellt, um betroffene Familien aufzunehmen. Allerdings wohnen nun drei bis vier Familien in einem kleinen Haus, was eine prekäre Hygienesituation zur Folge hat. Deshalb verteilt ACCSS kleine Tanks, um Trinkwasser sauber aufzubewahren und Hygiene-Kits. In dem Dorf Morelia im Gemeindebezirk San Pedro Yepocapa ist vor allem das verunreinigte Trinkwasser ein Problem, denn die Flüsse führen nach dem Vulkanausbruch viele giftige Materialien mit sich. Hier wurden ökologische Wasserfilter an die Familien verteilt und Informationen zur Benutzung und Reinigung gegeben. Zusätzlich werden 20 Frauen zum Thema Hygiene ausgebildet. Dazu gehört zum Beispiel der sorgfältige Umgang mit Wasser im Haushalt, Hygiene im Haus und richtige Entsorgung von anfallendem Müll. Die Frauen werden ihr Wissen dann als Multiplikatorinnen an ihre Gemeinden weitergeben.

Sicherheit und Würde der Menschen muss gewährleistet werden

„Die Notsituation hat viel Solidarität im ganzen Land ausgelöst. Es wurde viel gespendet, vor allem Trinkwasser und Kleidung. Das Problem aber ist die Infrastruktur und die Koordination der Hilfe“, berichtet Ixmucané Solórzano. Sie arbeitet in einer Herberge in Escuintla mit unserer Partnerorganisation ECAP daran, die Gemeindevertreter*innen zu stärken. Die wichtigsten Aufgaben, die der Staat nun zu erfüllen hat, sind folgende: Erstens müssen Räume zur Verfügung gestellt werden, in denen die betroffene Bevölkerung so würdevoll wie möglich leben kann und ihre Sicherheit dort muss gewährleistet werden. Zweitens müssen die Betroffenen registriert werden, damit die Hilfe bedarfsgerecht verteilt werden kann. Bruce Osorio, Psychologe und Leiter des Projekts mit ECAP, sieht die Würde der Menschen und ihre Bedürfnisse jedoch wenig respektiert, vor allem, da ihnen kein Mitspracherecht eingeräumt wird: „Wenn wir die Partizipation vorantreiben wollen, sehen das viele als Zeitverschwendung. Aber dadurch könnte man eine viel effektivere Antwort auf die Situation geben, die zudem eine bessere Akzeptanz in der Bevölkerung hätte.“

Inzwischen ziehen die ersten Familien in die ATUS (Albergues Transitorios Unifamiliares) um. Dies sind kleine, provisorische Holzhütten ohne Kochmöglichkeit, in denen die Familien voraussichtlich 18 Monate verbringen werden, bis die dauerhafte Siedlung in der Finca La Industria fertiggestellt ist. Insgesamt 4.000 Menschen sollen in den provisorischen Unterkünften leben. Diese werden in Sektoren aufgeteilt, in denen sich Gemeinschafts-Toiletten, Duschen und Becken zum Wäschewaschen befinden. Diese stehen am Rande der Siedlung, was vor allem für Frauen und Kinder ein Sicherheitsrisiko darstellt, wenn sie im Dunkeln ihre Häuser verlassen müssen. „Das hier ist die erste Erfahrung, die Guatemala mit den ATUS macht. Deshalb wollen wir die Erarbeitung von Sicherheitsprotokollen in solchen Notfällen vorantreiben“, erklärt Ixmucané Solórzano. Deshalb arbeitet ECAP eng mit der Staatsanwaltschaft zusammen, um einen Plan zur Bearbeitung von (sexueller) Gewalt und anderen Problemen zu erarbeiten, sowohl für die ATUS, als auch für die verbleibenden Herbergen.

Psychosoziale Betreuung von Betroffenen

Fast jeder in den betroffenen Regionen hat ein oder mehrere Familienmitglieder verloren, viele haben ihre Häuser und ihre Felder. Deshalb unterstützt ECAP die betroffenen Personen auch durch psychosoziale Betreuung. Die Menschen werden in ihren individuellen Fähigkeiten gestärkt, Entscheidungen treffen zu können und neue Lebenspläne zu entwickeln. Ein besonderes Augenmerk liegt auf Frauen und Mädchen, da sie in den Herbergen in einer besonders gefährdet sind.

„Für die Betroffenen ist es eine große Herausforderung, ihre Trauer auf individueller, familiärer und gemeinschaftlicher Ebene zu verarbeiten. Das größte Problem ist die gemeinschaftliche Ebene, denn in einigen Gemeinden sehen wir wenig Organisation und viel Gewalt“, berichtet Jadira Monterroso, Psychologin bei ECAP. Deshalb stärken die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ECAP die gemeinschaftliche Organisation der Menschen - in den Herbergen und später in den ATUS.

Eine wichtige Hürde hat das Team von ECAP schon genommen: Das Vertrauen und die Anerkennung der Betroffenen und auch der Behörden zu gewinnen. „Mit Anerkennung meinen wir, dass die Menschen wissen, wer wir sind und was wir machen. Das hat dazu geführt, dass wir bei verschiedenen Themen um Hilfe gebeten werden“, erläutert Bruce Osorio.

Das Schicksal der Gemeinde La Trinidad

Der kleine Ort La Trinidad ist etwa 30 Minuten vom Vulkan entfernt. Die Bewohner*innen kamen vor 20 Jahren aus dem Exil in Mexiko, wohin sie wegen des Bürgerkrieges fliehen mussten, hierher. Das Land wurde ihnen von der Regierung0 zugewiesen. Als am 3. Juni der Vulkan ausbrach und es zunächst nur einen Ascheregen gab, blieben die Bewohner*innen in ihren Häusern. Dann aber führten starke Regenfälle zu Gerölllawinen, die das Dorf bedrohten. „Wir haben versucht, uns mit den Behörden in Verbindung zu setzten, aber wir haben keine Antwort oder irgendwelche Informationen bekommen. Deshalb haben einige Gemeindevertreter entschieden, das Dorf zu evakuieren“, berichtet Rocael García. Er ist einer der Gemeindevertreter und lebt inzwischen seit vier Monaten zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter sowie einem Großteil der anderen Dorfbewohner in einer Herberge in Escuintla.

Die Gemeindemitglieder von La Trinidad sind seit ihrem Exil in Mexiko gut organisiert. Deshalb haben sie auch bald nach der Katastrophe begonnen, ihre Rechte einzufordern. Hierbei werden sie von ECAP unterstützt. „Unsere Einigkeit ist wichtig, aber wir brauchen auch Hilfe von Organisationen, die die uns dabei unterstützen können“, erklärt Rocael. Dazu gehören zum Beispiel organisatorische Unterstützung, anwaltschaftliche Arbeit oder Rechtsbeistand für die Gemeinde. Das neu gegründete Komitee hat es inzwischen geschafft, mit am offiziellen Tisch zu sitzen, wenn es um die Ausweisung „unbewohnbarer Gebiete“ oder die Umsiedelung der Betroffenen geht. „Unsere Vision ist, an einem Ort zu wohnen, der nicht bedroht ist, wo Kaffee angepflanzt wird und wo die gesamte Gemeinde zusammen ist. Es ist der Zusammenhalt, der uns stark macht“, sagt Rocael.

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