03. Dezember 2017

Welttag der Menschen mit Behinderungen: Inklusionsprojekte in Guatemala

Am 3. Dezember findet der Welttag der Menschen mit Behinderungen statt. Er soll das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für die Probleme von Menschen mit Behinderungen wachhalten und ihre Rechten stärken. Auch wir setzen uns in Guatemala für Menschen mit Behinderungen ein und unterstützen zwei Projekte am See Atitlán.

Luis lebt mit seiner Familie in einer kleinen Gemeinde am See Atiltán. Gemeinsam mit seiner Familie nimmt er einem inklusiven Katastrophenvorsorgeprojekt teil. (Foto: AWO International)Luis lebt mit seiner Familie in einer kleinen Gemeinde am See Atiltán. Gemeinsam mit seiner Familie nimmt er einem inklusiven Katastrophenvorsorgeprojekt teil. (Foto: AWO International)

Der See Atitlán im Westen der Hauptstadt ist eines der spektakulärsten Naturwunder Guatemalas. Das Panorama des Sees ist einmalig in der Welt: Auf rund 1.500 Metern gelegen ist er von drei Vulkanen umgeben. Der See ist der Touristenmagnet Guatemalas. Für viele Einwohner*innen der umliegenden Dörfer ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle. Aufgrund der geografischen Lage ist die Region aber auch in besonderem Maße von extremen Naturereignissen betroffen: Erdrutsche, Erdbeben und Überschwemmungen die größten Gefahren für die Bevölkerung dar.

Insbesondere Menschen mit Behinderungen sind bei derartigen Naturkatastrophen besonders gefährdet. Für Menschen mit geistiger Behinderung ist es oft nicht einfach, Gefahrensituationen zu erkennen und zu wissen, wie sie sich in solchen Situationen richtigen verhalten sollen. Menschen mit Sehbehinderung verstehen zwar, was um sie herum passiert, haben aber Probleme, sich zu orientieren, um zu einem sicheren Ort zu finden. Menschen mit einer körperlichen Behinderung fehlt die nötige Mobilität, um sich an einen sicheren Ort zu bewegen. Gehörlose Menschen hingegen wissen zwar, was zu tun ist, können aber die Warnsignale nicht hören.

ACOPEDIS: Inklusive Katastrophenvorsorge

Gemeinsam mit dem Netzwerk ACOPEDIS führt AWO International seit 2014 am See Atitlán ein Katastrophenvorsorgeprojekt durch. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und ihre Familien dabei zu unterstützen, besser auf extreme Naturereignisse vorbereitet zu sein.

Bei unsrem Besuch treffen wir uns Luis und seiner Familie, die an dem Vorsorgeprojekt teilnimmt. Die Familie lebt in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Santiago Atitlán. Sie gehören zu einer ethnischen Gruppe der Maya Tzutuhiles, eine von insgesamt drei indigenen Völkern, welche rund um den See Atitlán leben. Der Weg zum Haus der Familie ist steinig und führt an einfachen Häusern aus Wellblech und Ziegelsteinen vorbei. Frauen sitzen in ihren Höfen und weben, Kinder spielen barfuß auf der Straße. Um zum Haus der Familie zu gelangen, gehen wir durch eine schmale Gasse. Luis lebt hier mit seinen Eltern, Geschwistern und Nichten. Gemeinsam teilen sie sich zwei Zimmer.

„Luis Geburt ist sehr schwierig verlaufen, seine Nabelschnur hat sich infiziert und später wurden Schäden an der Wirbelsäule festgestellt“, erzählt uns seine Mutter. „Obwohl er von Beginn an Schwierigkeiten hatte, haben wir versucht, Luis normal in unser Leben zu integrieren. Aber von unseren Nachbar*innen wurden wir oftmals verspottet. Viele haben sogar geglaubt, wir hätten etwas Schlimmes getan, sodass uns zur Strafe ein Sohn mit Behinderung geschickt worden ist.“

10,2 Prozent der guatemaltekischen Bevölkerung haben eine Form der Behinderung

In Guatemala hat etwa 10,2 Prozent der Bevölkerung eine Form der Behinderung, also rund 1,6 Millionen der insgesamt 16 Millionen Einwohner*innen. Doch bis heute assoziiert ein Großteil der guatemaltekischen Bevölkerung körperliche und geistige Behinderungen mit Magie, Strafe oder göttlicher Missgunst. „Das Leben vieler Familien mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in Guatemala ist geprägt von Scham und Angst, oftmals werden die Kinder versteckt oder gar angebunden“, berichtet Karin Eder, Leiterin des Regionalbüros für Mittelamerika und Mexiko. Und obwohl Guatemala eines der ersten Länder war, welches das internationale Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen unterschrieben hat, werden Menschen mit Behinderungen in dem mittelamerikanischen Land kaum von staatlichen Institutionen gefördert. Etwa 80 Prozent der Leistungen für Menschen mit Behinderungen werden von zivilgesellschaftlichen Organisationen bereitgestellt.

„Wir sind sehr dankbar, dass wir von ACOPEDIS Unterstützung erhalten. Wir wissen nicht, wie wir uns im Fall einer Katastrophe richtig verhalten“, erzählt die Mutter weiter, während sie ihren Blick in Richtung eines Felsens lenkt, der bei einem Erdbeben abzubrechen und auf ihr Haus zu fallen droht. Um den Gefahren für die Menschen mit Behinderungen zu begegnen, stellt ACOPEDIS zunächst Fortbildungsteams zusammen. Diese setzen sich aus Spezialist*innen aus verschiedenen Bereichen, wie zum Beispiel Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und Physiotherapeut*innen, zusammen. In enger Absprache mit den Familien arbeiten sie Schulungs- und Fortbildungsmaterialien aus, die angepasst sind an die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen. In Fortbildungskursen wird es dann konkret: In Gruppen erarbeiten sie Notfallpläne und üben, wie sie adäquat in Notsituationen reagieren können. Neben den Schulungen für die Familien wird auch das Umfeld der Kinder und Jugendlichen mit Fortbildungen für das Thema Inklusion und Katastrophenvorsorge sensibilisiert, um im Notfall Hilfe leisten zu können.

Artesanos de ADISA: Von Menschen mit Behinderungen für Menschen mit Behinderungen

Luis geht bereits seit frühen Kindesalter zur staatlich anerkannten Schule ADISA, wo er an physiotherapeutischen Sitzungen teilnimmt und im Alter von sechs Jahren das Laufen gelernt hat. Die Schule ist eine der 14 Basisorganisationen rund um den See Atitlán, die dem Netzwerk ACOPEDIS angehören.

Auf dem Schulgrundstück ist auch die Werkstatt des Vereins Artesanos de ADISA anzufinden. Der Leiter des Vereins, José Sosof, sitzt im Rollstuhl. Als während des Bürgerkrieges eine friedliche Demonstration in Santiago Atitlán von Soldaten gewaltsam niedergeschlagen wurde, wurden 13 Personen getötet, 27 Personen wurden verletzt. Der damals 16-jährige José erlitt durch zwei Schüsse schwere Verletzungen an Hüfte und Wirbelsäule. Seitdem ist er von der Hüfte aus gelähmt.

„Seitdem ich im Rollstuhl sitze, habe ich Arbeit gesucht und Unterstützung vom Leiter der Schule ADISA erhalten“, berichtet José. „Zuerst haben wir uns als Schreiner*innen versucht, jedoch war die Arbeit aufgrund der Maschinen zu gefährlich. Später haben wir uns dem Bäckereihandwerk gewidmet. Das Geschäft ist zunächst auch erst gut gelaufen, bis die Leute angefangen haben, Gerüchte über uns zu verbreiten. Es wurde erzählt, dass unser Brot von kranken Menschen gemacht wurde. Sie haben unsere Behinderungen mit einer Krankheit gleichgesetzt.“

„Menschen mit Behinderung in Guatemala erleiden zwei Formen der Diskriminierung. Zum einen werden sie vom sozialen Zusammenleben ausgeschlossen. Zum anderen haben sie nur schwerlich Zugang zum Arbeitsmarkt“, berichtet Juan Xicay, Mitarbeiter von ACOPEDIS.

Berufliche Integration von Menschen mit Behinderungen

Doch nach ersten Rückschlägen hat sich die ADISA-Werkstatt heute auf Herstellung von Kunsthandwerk spezialisiert und damit etabliert. Die Artesanos stellen Schmuck, Dekorationsartikel und Verpackungstüten her. Die Produkte werden dabei überwiegend aus recycelten Materialien und Altpapier hergestellt. Bei der Produktion wird auf die unterschiedlichen Einschränkungen der Menschen mit Behinderungen eingegangen, sodass mittlerweile 14 Handwerker*innen in der Werkstatt Arbeit gefunden haben.

Anfangs wurden die Produkte in einem eigenen kleinen Landen der Werkstatt sowie auf einem kleinen Stand in Panjachel verkauft. Mit der Unterstützung von AWO International konnten weitere lokale Märkte erschlossen werden. Hilfestellung gab dabei ein Berater im Bereich Marketing sowie ein Buchhalter. Zudem erhielten die Handwerker*innen Fortbildungen in den Themenbereichen Vertrieb und Handel. Zusätzlich unterstützt wird der Verein von einem Verkäufer, welcher den Laden in der Werkstatt betreut. Inzwischen werden zahlreiche Läden rund um den See Atitlán mit den Produkten beliefert, auch einige Museen gehören zu ihren Kunden. Damit konnten die Einnahmen der Handwerker*innen gesteigert werden. Zudem versuchen die ADISA-Handwerker*innen und das ACOPEDIS-Netzwerk durch politische Lobbyarbeit auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen aufmerksam zu machen.

„Der direkte Kontakt mit den Familien mit Angehörigen mit Behinderungen ermöglichen es mir, mich in die Lage von Menschen mit Behinderungen zu versetzen. Ich finde es wichtig, sie zu stärken, und das nicht nur im Bereich der inklusiven Krisenprävention. Sie sollten in ihren Gemeinden respektiert und ihre Menschenrechte sollten gewahrt werden“, erzählt Mildre Azucena Yaxón, Mitarbeiterin von ACOPEDIS. Und daran erinnert auch der heutige Welttag der Menschen mit Behinderungen – er soll uns auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen aufmerksam machen und gleichzeitig ihre Teilhaberechte und Gleichstellung fördern.

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