08. November 2016

Reisetagebuch: Projekt- und Studienreise Mittelamerika

Am 3. November startete die erste Projekt- und Studienreise von AWO International nach Guatemala und El Salvador. Mit dabei sind AWO Geschäftsführer*innen, Haupt- und Ehrenamtliche, AWO Vorstände, der Vizepräsident eines Landesverbandes und aktive AWO Mitglieder. Gemeinsam mit der Geschäftsführerin Ingrid Lebherz und der Büroleiterin Karin Eder besuchen die Teilnehmer*innen Projekte von AWO International. Im Reisetagebuch berichten Sie darüber.

AWO International: Projekt- und Studienreise MittelamerikaTeilnehmer*innen der ersten Projekt- und Studienreise von AWO International nach Mittelamerika (Foto: AWO International)

Donnerstag, 3. November 2016

Am Donnerstag, den 3. November hieß es für die meisten Reiseteilnehmer*innen schon früh aufstehen, um rechtzeitig den Flug von Deutschland nach Madrid zu bekommen. Da wir alle aus unterschiedlichen Städten kamen, sollte der Treffpunkt am Abflugsteig in Madrid von Iberia nach Guatemala sein. Der Flughafen in Madrid ist riesig und die Umsteigezeit knapp und so war ich froh, doch zumindest 7 von 9 Reisenden beim Einsteigen ins Flugzeug anzutreffen. Einige Teilnehmer*innen kannten sich bereits untereinander, einige nicht. Mit dabei sind AWO Geschäftsführer*innen, Haupt- und Ehrenamtliche, AWO Vorstände, der Vizepräsident eines Landesverbandes und aktive AWO Mitglieder. Vor uns stand ein fast 12 Stunden langer Direktflug über den Atlantik von Madrid nach Guatemala Stadt. Wir hatten Glück, konnten einigermaßen pünktlich abfliegen und hatten einen ruhigen Flug mit nur einigen kleineren Turbulenzen über dem Bermudadreieck. Dank guter Wetterlage, dauerte der Flug nur 11 Stunden und alle waren froh um 16.10 Uhr Ortszeit d.h. 23.10 Uhr deutsche Zeit aus dem Flugzeug zu steigen.

Alle unsere Koffer waren angekommen. Wir passierten die Migrationskontrolle und den Zoll und am Ausgang des Flughafens  wartete auch schon Emilio, unser guatemaltekischer Reiseleiter.

Aus dem Flugzeug konnte man gut sehen, wie Guatemala-Stadt fast auf einer Art “Faltengebirge“ gebaut ist, durchzogen mit vielen sogenannten Barrancos d.h. Schluchten. Rund 4 Millionen Guatemaltek*innen von insgesamt knapp 16 Millionen leben inzwischen in der Hauptstadt. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem eigenen Auto, da der öffentliche Verkehr unzureichend und die Benutzung wegen der vielen Überfälle gefährlich ist.

Unser Bus vom Flughafen steckt trotz der 4-spuriger Autobahn im Stau fest, der kein Ende nimmt und sich tagtäglich wiederholt. Mein Kopf dröhnt vom langen Flug, von der Busfahrt und von der Zeitverschiebung. Ich bin froh, als ich um 22.00 Uhr Ortszeit d.h. 5 Uhr deutsche Zeit im Bett liege.

Ingrid Lebherz

Freitag, 4. November 2016

Heute sind die meisten von uns erwartungsgemäß schon sehr früh wach und wir frühstücken schwarzes Bohnenpüree mit Rührei, gebackene Kochbanane mit saurer Sahne und leckeren guatemaltekischen Kaffee.

Um 9.00 Uhr sind wir im Büro von AWO International verabredet. Mit unserem eigenen kleinen Bus fahren wir los. Auffällig ist wieder der immense Verkehr, viele gute und auch teure Autos quälen sich Stoßstange an Stoßstange durch die Straßen und mehrspurigen Autobahnen. Emilio erzählt uns, dass er als Kind in der Altstadt spielen konnte und jedes Auto eine Sensation war. Wir sehen die ersten „Elendsviertel“, die Häuser gebaut aus Wellblech und unterschiedlichsten Baumaterialien, teilweise an den Rändern der „Barrancos“. Bei starken Regenfällen oder Erbeben wird es dort für die Bewohner*innen schnell sehr gefährlich. Das Büro von AWO International befindet sich seit gut einem Jahr in einem abgeschlossenen Wohnviertel, in einem sog. Condominio. Weil wir keine Laufkundschaft haben, wurde es uns erlaubt, dort ein Büro zu eröffnen. Wir müssen eine Sicherheitskontrolle passieren, unsere Namen werden erfragt und wir dürfen weiterfahren.

Nach der Besichtigung des Büros erhalten wir einen Überblick von der Büroleiterin Karin Eder und der Projektreferentin Rosario Quiche über die Arbeit in Mittelamerika. Die meisten Mitreisenden kennen unsere Projekte durch unseren Jahresbericht, unser Magazin „weitblick“ und unsere Webseite. Aber es ist etwas anderes, jetzt selber in dem Land zu sein, wo es täglich 15 Todesopfer aufgrund von gewalttätigen Auseinandersetzungen gibt, 45 Prozent der Frauen Gewalterfahrung haben und die Justiz so gut wie keinen dieser Morde aufklärt, als dies in Deutschland zu lesen. Wie die Arbeit genau aussieht, das wollen wir in den nächsten Tagen durch Begegnungen mit den Jugendlichen und unseren Partnerorganisationen erfahren. Anschließend gab uns der deutsche Rechtsanwalt Michael Moerdt einen Überblick über die hochkomplexe politische Situation des Landes. Vor 20 Jahren kam er als Mitarbeiter der Wahrheitskommission der katholischen Kirche ins Land und musste miterleben, wie der verantwortliche Bischof Gerardi 3 Tage nach Veröffentlichung des Berichts ermordet wurde.

Am Nachmittag konnten wir noch das Popol Vuh Museum besichtigen und weitere Eindrücke von der Altstadt Guatemalas bekommen.

Ingrid Lebherz

Samstag, 5. November 2016

Wir treffen uns um 7 Uhr zum Frühstück. Glücklicherweise sind es 7 Stunden Zeitverschiebung, da geht es grad so. Wir wohnen im Hotel Panamerica, eines der wenigen Gebäude im Zentrum von Guatemala-City, das noch aus der Kolonialzeit stammt und die drei großen Erdbeben, das letzte im Jahr 1976, überstanden hat. Und so ist es auch, das Hotel Panamerica Guatemala City: Filmreif!

Kurz nach 8 geht's los: Wir besuchen AWO-International-Partnerorganisationen SODEJU am Rande von Guatemala-City. Die Organisation ist in der Jugendhilfe aktiv und Bestandteil der Jugendbewegung in Guatemala. Seit 2007 arbeitet AWO International mit SODEJU zusammen und unterstützt diese bei Projekten zur Gewaltprävention. In einem kleinen Workshop wurde gemeinsam ein Überblick über die Situation der Jugend in Guatemala erarbeitet und diese in einem Abschlussgespräch der Situation in Deutschland gegenüber gestellt. Schwerpunktthemen waren dabei: Gewalt zwischen und gegen Kinder und Jugendliche, Zugang zu Arbeit, Zugang zu Bildung, Gesundheitssystem und -vorsorge sowie sexuelle Aufklärung und sexuelle Gewalt in der Familie. Schwangerschaften minderjähriger Mädchen sind ein großes Problem in Guatemala. Danach berichtete Victor Gudiel Saravia, Geschäftsführer von SODEJU, über die Arbeit und die Geschichte von SODEJU. Im Anschluss daran informierten die Partnerorganisationen über ihre Arbeit, zum Beispiel über die besondere Situation der indigenen Jugend. Wir danken unseren Freunden aus Guatemala, die uns Einblicke in eine Gesellschaft gewährt haben, die unserer so relativ fern ist, für die Bildung und Gesundheitswesen für alle weit weg ist.

Danach ging es in das etwa 30 km entfernte San Raymundo. Das heißt in Guatemala 1,5 Stunden Stau und durchgeschüttelt werden. Dort besuchten wir die Begegnungsstätte der Jugendorganisation Vida Jóven, wo uns das Projekt zur Bewusstseinsbildung junger Menschen vorgestellt wurde. Bei einem gemeinsamen Mittagessen diskutierten wir über die unterschiedlichen Lebenssituationen von Jugendlichen, insbesondere junger Mädchen, in Deutschland und Guatemala. Wir sahen ein Video, in welchem vor leichtfertigem Umgang mit neuen Medien gewarnt wurde und welches im Rahmen des Projektes produziert worden ist. Vida Jóven berichtete von der Ausbildung von Multiplikatoren (mittlerweile über 200). Dabei kommt der Leitfaden von SODEJU, die wir am Vormittag trafen, zur Anwendung. Auch führt das Projekt, das übrigens überwiegend von jungen Frauen geführt wird, PC-Kurse durch und gibt Unterstützung bei der Erstellung von Bewerbungen. Weiterhin hat Vida Jóven einen Jugendaktionsplan für die Gemeinde erarbeitet und dem Gemeinderat vorgestellt. Ein anwesender Vertreter des Gemeinderates berichtete, dass dieser Plan als Impuls gesehen wird und sich die Gemeinde über die Aktivitäten der von AWO International unterstützten Jugendorganisation freut. Nach einem Rundgang durch das Stadtzentrum wurden wir noch im Rathaus vom Bürgermeister von San Raymundo begrüßt. Wir hoffen, dass unsere Anwesenheit dort der Stimme der Jugendlichen von Vida Jóven noch ein klein wenig mehr Gewicht verleihen konnte. Ordentlich müde erreichten wir nach ebenfalls holpriger Rückfahrt unser Hotel im Wissen, dass uns morgen die nächsten interessanten Begegnungen erwarten.

Gunther Raugust

Sonntag, 6. November 2016

Nach den spannenden Einblicken in die Jugendarbeit von AWO International und der Partnerorganisation SODEJU gestern, steht der Tag heute für einen Besuch des bekannten Hochlandmarktes von Chichicastenango zu Verfügung.

Nach einem typisch guatemaltekischen Frühstück in der Hauptstadt packen wir um 7:30 Uhr unsere Koffer in den Bus und machen uns anschließend auf den Weg. Die Fahrt nach „Chichi“ dauert mit Unterbrechungen etwa vier Stunden. Die kurvige Straße im Hochland führt uns vorbei an einfachen Häusern und nichtendenden Maisfeldern. Begleitet durch die Erzählungen von Emilio erhalten wir einen guten Einblick in das ländliche Leben unweit der Hauptstadt. Hin und wieder ergibt sich außerdem eine herrliche Sicht auf die hügelige Landschaft.

Angekommen in Chichicastenango, bewegen wir uns zunächst gemeinsam über den Markt. Wir probieren tropische Früchte, sehen bei der Produktion der Maistortillas zu und betrachten erstaunt die prachtvollen Gewänder der einheimischen Besucher. Das bunte Treiben in den engen Marktgassen macht uns sprachlos. Als Treffpunkt zahlreicher ethnischer Gruppen spiegelt der Markt die farbenfrohe Welt der Mayas wieder. Uns wird deutlich, wie präsent die indigenen Kulturen hier im Hochland sind und welch starke Identität dahinter steckt. Wie Tradition und Alltag ineinander übergehen, hat mich besonders beeindruckt.

Anschließend erhalten wir von Emilio auf dem Friedhof von Chichicastenango eine Einführung in das Weltbild der Mayas und die damit verbundenen Rituale. Der Friedhof liegt etwas erhoben über der Stadt und ist wahnsinnig lebendig. Mit seinen bunt, teils prächtig gestalteten Mausoleen und Gräbern steht er im Kontrast zu den im Hintergrund befindlichen grauen Wohnhäusern der Stadt. Die Menschen besuchen ihre verstorbenen Verwandten, Mayaschamanen führen ihre Rituale durch. Eine tolle Begegnung haben wir mit einer kleinen Familie, deren Vater auf dem Friedhof begraben ist. Die Tochter hat eine Flasche Coca Cola dabei, die sie über dem Grab ihres Vaters vergießen wird, da dieser so gerne Cola trank. Der Geist des Vaters werde dies spüren!

Um 14:30 Uhr fahren wir mit dem Bus weiter Richtung Atitlan See, wo wir die nächsten drei Nächte verbringen werden. Schon bald halten wir an einer Aussichtsplattform mit einem atemberaubenden Blick auf den Atitlan See und die unmittelbar dahinter aufragenden Vulkane. Nach weiteren 15 Minuten Fahrt erreichen wir den Ort Panajachel. Unsere schöne und vor allem grün bewachsene Hotelanlage befindet sich ruhig gelegen direkt am See. Erschöpft von den vielen Eindrücken lassen wir gemeinsam den Tag in einem guatemaltekischen Restaurant ausklingen.

Lorenz Schwarzenbach

Montag, 7. November 2016

Eindrucksvoller kann ein Tag kaum beginnen. Wir genießen ein leckeres, traditionell guatemaltekisches Frühstück mit Blick auf den wunderschönen, nur wenige Meter entfernten Atitlan-See, Vulkane und die steilen, stark bewachsenen Berghänge, die scheinbar in den See fallen. Mit gefülltem Magen wagen wir „per pedes“ den Weg zu einer Partnerorganisation von AWO International – ACOPEDIS – ein Netzwerk für Menschen mit Behinderung im Department Solola. Der Weg führt entlang einer langen Einkaufsstraße, die beidseitig gesäumt ist von kleinen Ständen und Läden, die traditionelle Kleidung, Handwerkskunst oder hiesige Spezialitäten anbieten. Nur die vielen „Tucktucks“, ein günstiges Verkehrsmittel für die kleineren guatemaltekischen Städte, die im Eiltempo an uns vorbeidüsen, lenken unseren Blick zurück auf die Straße, um nicht unter deren drei kleine Räder zu geraten.

Bei ACOPEDIS angekommen stellt deren Direktor Antonio die Arbeit von ACOPEDIS und seiner 16 Mitgliedsorganisationen vor. Zunächst betont er die geographischen Besonderheiten der Region rund um den Atitlan-See, welche geprägt ist durch die drei aktiven Vulkane und das steile Gebirge rundherum. Viele verschiedene indigenen Kulturen leben hier und prägen das gesellschaftliche Zusammenleben, welche, neben der spürbaren Lebensfreude, eines vereint: die permanente Gefahr durch Naturereignisse wie Vulkanausbrüche, Erdbeben, starke Unwetter und Regenfälle, Erdrutsche und Wirbelstürme.

Daher ist für Antonio und seine vielen Helfer klar: Der Fokus ihrer Arbeit für Menschen mit Behinderung konzentriert sich auf Katastrophenvorsorge und Risikominimierung. Schwerpunkt von ACOPEDIS ist vor allem intensive regionale und nationale Lobbyarbeit, die Bündelung der Erfahrungen und Kenntnisse seiner Mitgliedsorganisationen sowie deren Stärkung durch gebündelte Interessensvertretung.

ACOPEDIS vermittelt seinen Partnerorganisationen dabei den ganzheitlichen Ansatz der WHO mit seinen fünf wesentlichen, strategischen Komponenten, welche zugleich immer Menschenrechte, Nachhaltigkeit, Inklusion und Umweltschutz berücksichtigen sollen. Zu den fünf Komponenten zählen

  • Gesundheit
  • Bildung
  • Soziale, gesellschaftliche Teilhabe
  • Stärkung des Einkommens
  • Empowerment

Während einer kurzen Pause werfen wir einen Blick auf den Hinterhof von ACOPEDIS, wo gerade Lehrerinnen örtlicher Schulen in Gebärdensprache unterrichtet werden. Im Anschluss stellt eine Mitarbeiterin ein humanitäres Projekt zur Katastrophenvorsorge für Familien und Kinder mit Behinderung vor. Ziel des Projektes ist es, sowohl betroffene Familien und deren Angehörige für risikorelevante Themen zu sensibilisieren und zu stärken, aber auch aktive, kommunale Lobby- und Netzwerkarbeit. Behinderung ist Guatemala oft noch ein Tabuthema, daher ist es besonders wichtig, möglichst viele Institutionen – von Schulen, sonstigen öffentlichen Einrichtungen über die kommunale Politik und Verwaltung bis hin zur Feuerwehr – zu sensibilisieren, aufzuklären und über die speziellen Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung zu informieren.

Als Ergebnis der Arbeit sind verschiedenste Fortbildungen, teils in mehreren indigenen Sprachen, entstanden. Es wurden Notfall- und Katastrophenpläne für die jeweiligen Gemeinden erstellt, die Zusammenarbeit mit dem nationalen Katastrophenschutz wurde verbessert, und ein Notfall-Set sowie diverses Informationsmaterial verteilt – wirklich beachtlich, was hier alles geleistet wird. Ganz wichtig sind auch die Erfahrungen, die aus den ersten Übungen wie Evakuierungen an Schulen gesammelt wurden.

Nach diesem eindrucksvollen und bewegenden Vormittag machen wir uns noch ein Bild von der praktischen Arbeit vor Ort. Stolz präsentiert man uns die ersten Rampen in der Stadt, die es Rollstuhlfahrern ermöglichen, öffentliche Einrichtungen wie beispielsweise die Stadtbücherei oder das Gemeindezentrum zu besuchen – in Guatemala keine Selbstverständlichkeit, aber die Errungenschaft intensiver Überzeugungsarbeit von ACOPEDIS.

Weiter geht es zum Sozialzentrum von Panachajel, in welchem ein großer Teil der sozialen Arbeit vor Ort geleistet wird. Wir laufen vorbei einem Rollstuhl, der dort im Hof steht – selbst zusammengeschweißt, ein weißer Plastikgartenstuhl mit abgesägten Stuhlbeinen bildet die Sitzfläche, und gelangen so zur Musik- und Kunstschule des Ortes – zwei kleine Zimmer mit nicht einmal 10 qm. Auch ein Büro für Frauenrechte befindet sich dort, gleich neben dem Büro des örtlichen Behindertenbeauftragten. Er stellt uns seine Arbeit vor, bei der er sich intensiv um die Belange der Menschen mit Behinderung einschränkt und, wie er sagt, dabei mittlerweile auch viel Gehör vor Ort findet.

Anschließend geht es weiter zur Feuerwehr, bei der man uns die Herausforderungen einer freiwilligen, ehrenamtlichen Feuerwehr schildert, die mit minimalen technischen Hilfsmitteln für die Bevölkerung da ist. Der Kommandeur lässt es sich nicht nehmen, uns alle mittels zweier Krankenwägen (Ja, Feuerwehr und Rettungsdienst sind hier in Personalunion!), uns alle zu einem nahe gelegen Restaurant zu fahren. Ingrid Lebherz durfte dabei den Feuerwehrhelm tragen, das war doch klar :) und ein toller Abschluss für einen bewegenden und wahnsinnig eindrucksvollen Tag. Ganz zu Ende ist er ja noch nicht, gleich findet er sein Finale an der wunderschönen Cocktailbar am Ufer des Atitlan-Sees, so man auch den einen oder anderen Backpacker antrifft…

Michael Honold

Dienstag, 8. November 2016

Mit einem wunderschönen Blick auf die Vulkane am Atitlan See beginnt der heutige Tag. Der See ersetzte heute die Straßen, da wir einen Ausflug per Schiff unternehmen. Die erste Überfahrt führt  uns nach Santiago de Atitlan, um die Schule zur Bildung und Förderung von „Behinderten“ zu besuchen. Diese wird durch die Organisation Adisa (gefördert durch Sodeju) unterstützt. Der Leiter der Organisation Franzisco, der diese vor 20 Jahren gründete, stellt uns die Räume und Ziele der Arbeit für 2017 vor. Neben der Gesundheitsvorsorge (Physio-, Psychotherapie, Hebammen und einem Therapiehund) unterstützt Adisa die Menschen mit Behinderungen mit Fahrten zu Fachärzten und der Beschaffung von Hilfsmitteln. Mit der Schule, die durch Adisa gegründet wurde und mittlerweile im staatlichen Bildungssystem verankert ist, soll die Frühförderung, Bildung und Stärkung der aktuell 81 zum Teil durch multiple Behinderungen eingeschränkten Jugendlichen verbessert werden.  Zusätzlich werden weitere Schulen in den umliegenden Dörfern mitbetreut. In schweren Fällen ermöglicht und unterstützt Adisa sogar den Bau von Häusern für besonders betroffene Familien. Hauptziel ist es allerdings in der Politik die Rechte der Behinderten zu stärken und das Bewusstsein, dass „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“ in der Gesellschaft akzeptiert werden sollen.

Neben der Schule wurde auch eine Werkstatt geründet, die mittlerweile als eigenständige NGO (nicht Regierungsorganisation) agiert. Diese entstand nachdem die Gründung einer Schreinerei und einer Bäckerei gescheitert war. Hierbei waren auch die lokalen Bäcker diskriminierend tätig, „Ihr esst Brot von Kranken“ war damals die Parole. Heute werden nach dem von einem Amerikaner vermittelten Prinzip aus Altpapier Tüten und Dekorationsartikel hergestellt um den Menschen ein kleines Einkommen zu ermöglichen. Diese Produkte werden neben Schmuck verkauft, der zum Teil von den Familien der Menschen „mit besonderen Fähigkeiten“ hergestellt werden. Der Leiter des NGO Jose, der im  Bürgerkrieg so schwer verletzt wurde, dass er jetzt einen Rollstuhl benötigt,  und seine 15 eingeschränkten Mitmenschen sind froh über diese Anerkennung ihrer Fähigkeiten. Durch Fördergelder u.a. der AWO International (in 2016)  wird die Werkstatt im Bereich des Marketings  gefördert. Auch die Auszeichnung des National Geografic, der die Produkte als „hochwertiges Produkt“ ausgezeichnet hat, schenkt Hoffnung und Mut für die Zukunft.

Auch kulturell sind wir weiter in die Sitten und Rieten der Maya eingeführt worden, vielen Dank Emilio. In einer kleinen durch winklige Gassen und Pfade zu erreichenden Kapelle (einem Ratszimmer der Gemeindeverwaltung) wohnten wir einem Ritual vor einem Gott der Maya bei. Verehrt wurde Maximon, der Gott der Mutter Erde (auch Ha’K‘Witz), der umringt von den Patronen der einzelnen Distrikte um den Atitlan See in der bunt geschmückten „Kapelle“. Durch Weihrauch und das Verbrennen von Rezinerharz wird in der dualistischen Esoterik der Mayakultur das wichtige innere Gleichgewicht des Menschen erreicht. Das Bitten an einen Gott u.a. mit Rum, der ihm eingeflöst wurde und Zigaretten überraschte uns sehr. Leider waren wir erst nach den Feierlichkeiten anlässlich Maximons Geburtstag am 28.10., welche 3 Tage und Nächte andauern, in Santiago de Atitlan. Dennoch waren Reste der Prozessionen vor der Kirche St. James des Apostels sichtbar.

Auf dem Weg zum Mittagessen führte uns Emilio durch den  Gemüsemarkt, der  fast alles bot, allerdings waren hygienische Maßnahmen für deutsche Verhältnisse nicht vorhanden oder erkennbar. Fleisch ohne Kühlung, verschimmeltes Gemüse, Meeresfrüchte in Eimern sind hier nur einige Beispiele.  Dennoch herrschte reges Treiben. Nach dem Essen sind wir mit dem Boot nach San Antonio Polopa übergesetzt. Hier besuchten wir zwei Töpfereien in denen mit einfachsten Hilfsmitteln die Porzellane hergestellt werden. Die Leidenschaft mit der die MalerInnen die Tassen und Teller bemalen und deren Gelassenheit und ruhigen Hände erschaffen dabei Unikate. Über steile Gassen erreichen wir die kleine aber gut gelegene Kirche des Ortes von wo wir einen atemberaubenden  Ausblick auf die drei Vulkane  genießen. Danach führt der Weg durch eine Weberei und enge Gassen zurück zum Boot mit dem wir zurück nach Panajachel übersetzen zu einem gemütlichen Ausklang bei heimischer Kost und Cocktails.

Sven Lange und Uli Eickmeier

Mittwoch, 9. November 2016

Das heutige Frühstück war überschattet von den Wahlergebnissen der USA. Unverständnis und Wut darüber, dass Donald Trump zum neuen Präsident gewählt wurde. Die Sonne und der Blick auf die Vulkane rund um den Atitlán See haben uns wieder etwas versöhnt. Pünktlich um 8.00 waren wir alle im Bus und es konnte losgehen. Allerdings hat einige Mitreisende „Montezumas Rache“ erwischt und waren heute morgen leider etwas angeschlagen.

Die Fahrt über das Hochland Richtung Hauptstadt war beeindruckend und ging schneller als gedacht. Nach vier Stunden waren wir an unserem Treffpunkt: einer Tankstelle am Eingang der städtischen Randsiedlung Carranza. Der Projektmitarbeiter von SODEJU, Victor Puluc hat uns nach 15 Minuten abgeholt, um uns zur Jugendorganisation: Coordinadora Luz y Esperanza zu bringen. Carranza ist eine sog.  zona roja, einer der gefährlichen Zonen der Stadt. Wir werden vor der katholischen Kirche erwartet und bewundern ein Plakat, das auf die Minibibliothek hinweist, die AWO International dieses Jahr aus Spendenmittel für Jugendinitiativen unterstützt.

Die Jugendorganisation hat hier einen Raum zur Verfügung, an denen ein kleiner Jugendtreff eingerichtet wurde. Der Jugendvertreter Pedro und einige Jugendliche stellen sich und ihre Arbeit vor. Sie zeigen uns einen Video zu ihrer Arbeit. Pedro erklärt, dass die Gemeinde sich nicht besonders für die Jugendarbeit einsetzt, obwohl die Jugendorganisationen eine Jugendpolitik vorgelegt haben. Es werden soziale Räume, Freizeit und Sportmöglichkeiten eingefordert. Jugendliche brauchen in Carranza bessere Bildung und die Möglichkeit technische Berufe zu erlernen. Nach einer halben Stunde kommen TeilnehmerInnen der Jugendgruppe von Na‘Oj Maya dazu, die mit Luz y Esperanza zusammenarbeiten. Nach einer kleinen Gesprächsrunde laufen wir ca. zehn Minuten zu Victors Elternhaus, in dem das Mittagessen für uns vorbereitet wurde: Pinol mit Huhn, das typische Gericht von San Juan Sacatepequez. Aus eigener Ernte gabs Avocados dazu. Es hat alles gut geschmeckt und gestärkt gehen wir wieder zum Jugendtreff zurück. Dort erwartet uns ein Marimba Konzert. Acht Jugendliche und ein kleiner Junge geben ihr Können zum Besten und wir sind wirklich sehr beeindruckt! Während unten im Hof die Marimaklänge ertönen, probieren  Kinder und Jugendliche oben im Jugendtreff die neuen Spiele aus. Sie haben sichtlich Spass. Einige lesen in den neu angeschafften Büchern. Nach Kaffee und Kuchen gings weiter nach Antigua. Um 18.00 sind wir müde und voller Eindrücke gut in unserem Hotel in Antigua angekommen.

Karin Eder

Donnerstag, 10. November 2016

Während in Deutschland der erste Schnee gemeldet wird, genießen wir einen angenehmen sonnigen Tag in Antigua. Bereits 1979 wurde die ehemalig wichtigste Stadt Mesoamerikas von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Die Stadt war eine Stadt der Kirchen, Klöster, Konvente und Kapellen, heute ist sie ein „touristisches Muss“. Bevor wir uns einen freien Tag ohne Projektbesuche gönnen, versammeln wir uns nach dem Frühstück zu einer Zwischenauswertung und zu einer Planung der verbleibenden Tage in El Salvador. Drei scheinbar einfache Fragen, haben es in sich: Wie nehme ich das Land war? Welche Fragen haben sich in der letzten Woche daraus ergeben?Was heißt der Ansatz der Sozialstrukturförderung bei der Projektarbeit von AWO International?

Wir nehmen uns die Zeit, um diese Fragen zuerst für uns selbst zu beantworten und die Gedanken auf Kärtchen festzuhalten. Dann stellt jede/r seine/ihre Gedanken vor und die Kärtchen werden an die Wand gepinnt. So unterschiedlich wie wir sind, so unterschiedlich ist auch die Wahrnehmung von Guatemala.

Gesehenes und Gehörtes fügt sich zu einem Mosaik: das Land und die Menschen  werden weiterhin ausgebeutet. Das eindrücklichste Beispiel ist eine Goldmine, die noch nicht allzu lange betrieben wird, von der 1% des Gewinns an Guatemala geht und 99% an die ausländischen Investoren. Wir sind an Fabriken vorbeigefahren, die unter unmenschlichen Bedingungen für den Weltmarkt Kleider produzieren. Eine kleine, sehr reiche Oberschicht, die das Land beherrscht und 54% der Menschen müssen mit weniger als 2 Dollar am Tag auskommen. Das Land wirkt auf uns kontrastreich und gespalten: Die wunderschöne Natur im Hochland und am Atitlan See – der nicht enden wollende Verkehr und Müll auf den Straßen von Guatemala Stadt. Was für ein Entwicklungsmodell leben wir in Deutschland vor? Was können wir tun, wenn wir nach Hause zurückkommen? Geiz ist gar nicht geil und billig Kaffee und der Export von Hühnerklein in Länder wie Guatemala müsste verboten werden. Wir haben mehr Fragen als Antworten und noch 4 Tage vor uns.

Die Reise ist auch körperlich anstrengend, jede Tag hat ein/e andere Magendarmprobleme, braucht eine Pause und Kamillentee. Wer kann, schaut sich Antigua an, genießt einen leckeren Kuchen oder geht Souvenirs einkaufen.

Abends werden wir von der Familie von Karin Eder eingeladen und sehr lecker bekocht. Herzlichen Dank für den schönen Abend!

Ingrid Lebherz

Freitag, 11. November 2016

Strahlender Sonnenschein und klare Sicht ermöglichen heute Morgen einen atemberaubenden Blick auf die Antigua umgebenden, fast 4.000 Meter hohen Vulkane. So sind einige von uns schon etwas früher wach, um den Moment mit der Kamera festzuhalten. Um 8 Uhr geht es los in Richtung San Salvador. Nach wenigen Minuten halten wir schon wieder – über dem Fuego-Vulkan am Rande der Stadt Antigua steigen in kurzen Abständen große Rauchwolken auf. Wir nehmen uns ein paar Minuten Zeit, dieses Naturschauspiel zu bewundern und bildlich festzuhalten. Anschließend geht die Fahrt weiter – vorbei an Kaffee- und Macadamia-Plantagen – aus dem Hochland hinab in Richtung Pazifikküste und hin zur Grenze nach El Salvador. Mit der abnehmenden Höhe steigen die Temperaturen und die für die Tropen typische Vegetation zeigt sich zunehmend. Kokospalmen, Bananenstauden und weitläufige Zuckerrohrplantagen ziehen an uns vorüber. Nach dreieinhalb Stunden erreichen wir den Grenzübergang. Dank den Bemühungen von Emilio, unserem Reiseleiter, werden wir sehr freundlich abgefertigt und können unsere Fahrt fortsetzen. Diese dauert länger als angenommen. Erst gegen 15 Uhr erreichen wir unser Hotel in San Salvador. Die Hauptstadt El Salvadors, zeigt sich uns auf den ersten Blick deutlich moderner und „entwickelter“ als Guatemala-Stadt. Erschöpft von der langen Fahrt beziehen wir unsere Zimmer, machen uns frisch und nehmen eine kleine Mahlzeit zu uns.

Um 17 Uhr fahren wir dann noch in das Büro der Frauenorganisation IMU. Heute treffen wir uns dort mit Vertreter*innen der Filmschule „Escuela De Cine Comunitario“, einem Projekt unserer Partnerorganisation ACISAM. Hier erhalten Jugendliche unter Anleitung von Profis die Möglichkeit Filme zu drehen, in denen sie sich selbst darstellen, mit gesellschaftlichen Strukturen auseinandersetzen sowie andere Jugendliche informieren können. Noé, der Leiter der Filmschule, berichtete uns einführend über die schwierige gesellschaftliche und politische Situation in dem von großer Armut und brutaler Gewalt gebeutelten El Salvador.

Einen gemeinsamen Tagesrückblick hielten wir abschließend in der mitten in der Zwei-Millionen-Stadt gelegenen ruhigen Hotelanlage.

Lorenz Schwarzenbach und Wolfgang Mayr-Schwarzenbach

Samstag, 12. November 2016

Heute begann der Tag entspannter. Aufstehen und Frühstücken bis 10 Uhr! Anschließend, wer mag, dreht eine Runde im Hotelpool.

Wir besuchen erneut das Büro von IMU in San Salvador, eine Frauenorganisation mit der AWO International schon seit 2007 erfolgreich zusammenarbeitet. IMU wurde bereits 1986 gegründet. Wir werden in den Büro- und Beratungsräumen von vier Vorstandsfrauen sehr freundlich begrüßt. Brenja Red stellt sich als Präsidentin und als Tochter der Gründerin, Norma Virginia Guirola Herrea vor. Sie erklärt uns, dass wir die Geschichte ihrer Mutter erfahren müssen, damit wir die Arbeit und heutige Situation verstehen.

Ihre Mutter wuchs in einer Lehrerfamilie auf, die die politische Situation verändern wollte, da das Land seit 1930 von einer Militärdiktatur beherrscht wurde. Für die Tochter Norma wurde es zur Lebensaufgabe für Gerechtigkeit und Menschenrechte zu kämpfen. Sie wurde Teil der Kommunistischen Bewegung und ging in den 70 Jahren mit ihren Kindern ins Exil. Sie schloss sich dort Anfang der 80 Jahre in Nicaragua der Guerilla Bewegung an. Erst in dieser Zeit hat sie sich speziell für die Rechte der Frauen sensibilisiert. 1986 kommt sie mit ihren Kindern zurück nach El Salvador und gründet IMU, in dieser Zeit konnten sich einige NGOs gründen, da sie finanzielle Unterstützung von Ausland erhielten. Sie treffen sich an der Uni, in Cafés, führen Rechtsberatungen durch, insbesondere für politisch gefangene Frauen. Nach vielen friedlichen Protesten und Großdemonstrationen für mehr soziale Gerechtigkeit, die immer wieder von den Militärs blutig niedergeschlagen wurden, sahen sie keinen Ausweg, außer sich der bewaffneten Bewegung anzuschließen, um wirklich etwas verändern zu können.

1989 im November, weißt alles auf eine Großoffensive der Guerilla Bewegung, der FMLN hin. IMU wird evakuiert, ca. eine Stunde von San Salvador weg. Es kommt am 11.11.1989 zu Bombenangriffen der Militärs, es werden 30 Gefangen genommen unteranderem auch Norma. Die Gefangen werden gefoltert und am 12.11.1989 hingerichtet. Ihre Leichenteile werden verteilt, Normas Körper wird nicht mehr gefunden. Bei uns dauert es ein bisschen, bis wir realisieren, dass wir an 27. Tag der Ermordung von Norma hier sitzen und ihre Geschichte von ihrer Tochter erzählt bekommen. Karins Eder Stimme versagt beim übersetzten, mich über kommt die totale Traurigkeit und aber auch Wut, und denke, mein Gott bei was für starken Frauen sitzen wir hier gemeinsam!! Tränen fließen, wir sind tief berührt.

Brenja zeigt uns noch einige Fotos und die Frauen beschließen dann, dass wir jetzt gemeinsam essen sollten. Essen ist immer gut, hilft gegen Traurigkeit und verbindet. Das war sehr gut. Eine ältere Frau erzählt uns, wie auch sie sich damals Militärkleidung und eine Waffe besorgt hat, um zu kämpfen. Sie erzählt von Bauern, die nach San Salvador gekommen waren, um die Offensive zu unterstützen, in einem Haus, das so groß war, dass sie es sich nicht vorstellen konnten, dass hier nur eine Familie lebt, gefragt haben, in welchen Dorf sie sich befinden. Da konnten wir wieder gemeinsam lachen.

Am Nachmittag besuchen wir noch drei Projekte von IMU: Zwei Schulen, die es geschafft haben, dass ihre beispielhaft gute Sexualaufklärung zum Bestandteil des nationalen Schulcurriculum geworden ist. Und ein Frauenprojekt, die sich als Selbsthilfegruppe gegen Missbrauch und häusliche Gewalt einsetzten. WOW wir fühlen alle starke Solidarität und Hochachtung für die Frauen.

Wiebke Kappaun

Sonntag, 13. November 2016

Am Vormittag treffen wir uns in einem schönen Kulturzentrum, einem umgebauten Kloster, mit dem Leiter von ACISAM Raul Duran. Er gibt uns zur Einführung einen kurzen Überblick über die Geschichte von El Salvador: seit den 1930 er Jahren eine Militärdiktatur, die die Interessen der Oberschicht verteidigte und die Mehrheit der Bevölkerung brutal unterdrückte. 1938 findet ein großes Massaker an der indigenen Bevölkerung mit 30.000 Toten statt. Die damalige Bevölkerung El Salvadors betrug damals gerade 1 Million Einwohner. Ab diesem Zeitpunkt legten große Teile der Indigenen ihre traditionellen Familiennamen ab und gaben sich spanische Namen. Ebenso legten sie ihre traditionelle Kleidung ab und hofften durch diese Maßnahmen von der Militärjunta verschont zu werden. Die Indigenen hatten sich gegen die Unterdrückung gewehrt, galten deshalb bei den Militärs als Kommunisten.

Es folgten lange Jahre der Diktatur und weitere Aufstände in den 1960 er Jahren. Die FMLN (Frente Farabundo Marti) begann sich zu gründen. Wahlen waren über lange Jahre nicht möglich. Aber auch innerhalb der katholischen Kirche  bildete sich langsam der Widerstand gegen das Militärregime. Aus dem als konservativen Priester eingesetzten Jesuiten Arnulfo Romero wurde eine leidenschaftlicher Kämpfer gegen die Ungerechtigkeit bis er 1980 ermordet wird. Seine Beerdigung sollte zu einer Massendemonstration gegen die Militärjunta werden, auf der auch viele ausländische hohe Kirchenvertreter anwesend waren. Während der Beerdigung gab es unter den Augen der internationalen Trauergemeinde weiteren Erschießungen durch die Militärs und durch eine Massenpanik viele Tote.

Es sollte noch weitere 10 Jahre dauern bis das Militär endlich zu Verhandlungen mit der FMLN bereit war und 1992 ein Friedensvertrag geschlossen werden konnte. ACISAM, die Partnerorganisation von AWO International, wurde 1986 von Studierenden der Psychologie gegründet, um die traumatischen Erfahrungen des Krieges und der Präsenz der permanenten Gewalt zu bearbeiten. Wir sind froh von Raul Duran diese kurze Einführung in die Geschichte des Landes erhalten zu haben, sie lässt die Arbeit von ACISAM in einem klareren Licht erscheinen.

Die Gemeinde Papaturo liegt ca. 30 Minuten Busfahrt von Suchitoto entfernt. Papaturo wurde 1998, d.h. noch mitten im Bürgerkrieg von 15 Familien, die aus dem Exil in Honduras zurückkehrten, gegründet. Mit Hilfe dem UNHCR, der katholischen Kirche und andere Unterstützungen konnten sich die Familien sich nach 10 jährigem zermürbenden Aufenthalt in Flüchtlingslagern in Honduras, hier neu ansiedeln.

Joselino Callejas berichtet uns von dem Neuaufbau. Von den ersten Nächten unter einem Baum, den weißen Bettlaken auf den Bäumen, damit sie als Zivilbevölkerung erkannt und nicht vom Militär bombardiert wurden bis dahin, dass sie heute 147 Familien sind, die in Papaturo Landwirtschaft betreiben. Mit der Unterstützung von vielen Organisationen u.a. auch von ACISAM und AWO International konnte ein neues Gemeindeleben aufgebaut werden und alle können ein zwar für deutsche Verhältnisse sehr bescheidenes Auskommen finden, aber in einem friedlichen Dorf leben. Nach Einbruch der Dunkelheit sehen wir auf dem Basketballplatz noch einige Videos, die junge Erwachsene im Rahmen ihrer Ausbildung an der mesoamerikanischen Videoschule von ACISAM gedreht haben und das Leben, die Sorgen und Hoffnungen der Bevölkerung Mittelamerikas zum Thema haben.

Sehr beindruckt und müde kehren wir in unsere Hotel zurück und lassen den Tag mit einem leckeren Essen und Suprema Bier ausklingen.

Ingrid Lebherz

Montag, 14. November 2016

Heute heißt es definitiv Abschied nehmen: Von dem schönen Städtchen Suchitoto, von El Salvador, von Mittelamerika, von Emilio unserem Reiseleiter und allen Mitreisenden. Suchitoto wird von einem FMLN Bürgermeister erfolgreich regiert. Es wirkt lebendig, es gibt kaum Gewalt und an vielen Häusern sehen wir gesprayte Hinweise, dass es in diesem Haus keine Gewalt gibt. Familien verpflichten sich demonstrativ öffentlich auf Gewaltverzicht. Eine kleine Sensation, in einem Land, in dem pro Tag derzeit 15 Personen ermordet werden. Wir verabschieden uns von Karin Eder, die zurück nach Guatemala fährt. Herzlichen Dank für die tolle Zeit und die gute Vorbereitung der Reise und viele Grüße an die Kolleg*innen im Büro in Guatemala.

Wir stellen das NAVI auf dem Handy von Lorenz ein, fahren noch einmal durch die vielen verstopften Straßen von San Salvador und schaffen es Gunther pünktlich am Flughafen abzuliefern. Wir wollen noch den Pazifik sehen und einmal die Füße in die Wellen halten. Eine halbe Stunde vom Flughafen entfernt finden wir ein nettes Plätzchen mit einem Restaurant und ausreichend Schatten, wo wir noch 2 Stunden den Wellen zuschauen können und eine letzte Mahlzeit in El Salvador zu uns nehmen. Ein bis auf den letzten Platz besetztes Flugzeug bringt uns über Nacht in rund 10 Stunden nach Madrid – unsere Wege trennen sich in Richtung München, Frankfurt oder Düsseldorf. Bis bald auf der BUKO in Wolfsburg!

Ingrid Lebherz

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