01. Dezember 2017

Regionaler Jugendaustausch: „Eine Reise für das Leben und die Gleichheit“

100 Jugendliche aus fünf Projektländern tauschten sich vom 20. bis zum 24. November 2017 in Guatemala über ihre Erfahrungen aus und entwickelten neue Ideen, um die Lebenssituation von Jugendlichen in ihren Ländern zu verbessern. Der Jugendaustausch in Guatemala wurde von unserem Regionalbüro in Mittelamerika und Mexiko gemeinsam mit unseren Projektpartnern organisiert.

Vom 20. bis 24. November 2017 kamen hundert Jugendliche aus Zentralamerika und Mexiko zum regionalen Jugendaustausch von AWO International in Guatemala zusammen.Vom 20. bis 24. November 2017 kamen hundert Jugendliche aus Zentralamerika und Mexiko zum regionalen Jugendaustausch von AWO International in Guatemala zusammen. (Foto: AWO International)

„Als ich erfahren habe, dass ich am Jugendaustausch teilnehmen werde, war ich sehr glücklich. Auch wenn wir in der Region alle in unterschiedlichen Kontexten leben, so setzen wir uns doch für dasselbe Ziel ein: Wir wollen die Situation von Jugendlichen in unseren Ländern verbessern“, berichtet 16-jährige Ernestina aus Managua. Sie ist eine von zehn Jugendlichen von unserer Partnerorganisation CANTERA aus Nicaragua, die für den Jugendaustausch ausgewählt wurden.

Am Sonntag, den 19. November ging es dann los: Um 5 Uhr morgens klingelte der Wecker, um 6 Uhr startete die mehr 24-stündige Busfahrt von der nicaraguanischen Hauptstadt Managua Richtung Guatemala. Sie waren die ersten von insgesamt hundert Jugendlichen unserer Partnerorganisationen aus Mittelamerika und Mexiko, die sich auf die „Reise für das Leben und die Gleichheit“ begaben – zu einem fünftägigen regionalen Jugendaustausch vom 20. bis 24. November 2017 in Guatemala.

Für die meisten der Jugendlichen war es das erste Mal, dass sie eine Reise in ein fremdes Land antraten. Doch der Jugendaustausch stand nicht nur für die Reise nach Guatemala, sondern auch symbolisch für den Prozess, den die Jugendlichen durch ihre Teilnahme am Regionalprogramm zur Gewaltprävention und Förderung von Jugendlichen, das AWO International seit 2007 gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen in Mittelamerika und Mexiko durchführt, durchlaufen sind.

Gewalt und Armut prägt das Leben der Jugendlichen

Die Lebensrealität für Jugendliche in Mittelamerika und Mexiko ist erschreckend: In Mexiko arbeiten 60 Prozent der Bevölkerung im informellen Sektor, darunter viele Jugendliche. Innerhalb von vier Jahren sind in Guatemala 24.685 Jugendliche ums Leben gekommen. Die Mehrheit der Todesfälle ist auf Gewaltverbrechen zurückzuführen. Schätzungsweise 30.000 Jugendliche in El Salvador sind Mitglied in einer Jugendbande – eine sehr hohe Zahl, aber die Mehrheit der Jugendlichen ist von der Gewalt der sogenannten „maras“ selbst betroffen. Etwa 67 Prozent der honduranischen Bevölkerung lebt in Armut, 52 Prozent sogar in extremer Armut.

„Wir studieren in der Hoffnung, dass wir später eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben und uns so aus der Misere rausarbeiten können. Aber wenn wir erst einmal unseren Abschluss in der Tasche haben, suchen wir vergeblich nach Jobs. Um dieser Situation zu entkommen, migrieren wir, denn unsere Chancen in den USA sind größer als in Honduras“, berichtet Carolina von unserer Partnerorganisation OCDIH aus Honduras.

In Nicaragua wurden in den vergangenen zehn Jahren etwa 1.600 minderjährige Schwangerschaften dokumentiert, die aus Sexualverbrechen hervorgegangen sind. Die Dunkelziffer liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit weitaus höher. Es sind alarmierende Zahlen, die jedoch nur einen kleinen Einblick in das Leben der Jugendlichen in Mittelamerika und Mexiko geben. Das Regionalprogramm versucht, die Teilhabe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen an politischen und gesellschaftlichen Prozessen zu fördern, um die Rechte von Jugendlichen einzufordern und auf die Verantwortung der Regierungen aufmerksam zu machen.

Jugendliche sprechen über Erfahrungen, Erfolge und Herausforderungen

Im Mittelpunkt des Jugendaustausches standen dabei die Erfahrungen der Jugendlichen: Wie ist die Situation in ihren Ländern? Wie haben sie den Ausbildungsprozess im Rahmen des Projekts erlebt? Wie setzen sie sich für ihre Rechte ein? Während zahlreicher Aktivitäten haben sich die Jugendlichen über ihre Erfahrungen, Erfolge, aber auch Herausforderungen, ausgetauscht, um mit neuen Ideen und Inspirationen im Gepäck in ihre Heimatgemeinden zurückzukehren. Dabei nahmen sie nicht nur als Teilnehmer*innen an der Veranstaltung teil, sondern übernahmen auch aktiv die Moderation der einzelnen Programmpunkte.

Teil des Jugendaustausches war auch ein sozialpolitisches Forum, zu dem Referent*innen aus der Zivilgesellschaft und Politik eingeladen waren, um ihr Wissen im Bereich der Migration, Menschenrechte und Jugendgewaltprävention zu vermitteln und in einen Dialog mit den Jugendlichen zu treten. Am Tisch nahmen auch zwei jugendliche Vertreter*innen Platz, um die Perspektive der Jugendlichen in Mittelamerika und Mexiko zu repräsentieren. „Die Migration an sich ist kein negatives Phänomen“, erklärte Leni, eine Teilnehmerin unserer Partnerorganisation IMUMI aus Mexiko. „Aber unsere Regierungen und die Gewaltstrukturen in unseren Ländern zwingen uns zur Migration. Dabei sollten wir das Recht haben, selbst zu entscheiden, ob wir migrieren wollen oder nicht.“ Ihre Eltern sind in die USA migriert, als sie noch ein Kind war. Dort ist sie als undokumentierte Migrantin aufgewachsen. Eines Tages wurde sie von den Behörden gefasst und als Jugendliche ohne ihre Familie nach Mexiko abgeschoben – in ein Land, das sie kaum kannte.

Auch die Abende standen ganz im Sinne des Austausches: Mit traditionellen Tänzen, Theaterstücken und typischem Essen brachten sich die Jugendlichen ihre Traditionen und Kulturen näher und schlossen internationale Freundschaften.

Ein Zug der Zukunft

Zum Abschluss erarbeiteten die Teilnehmer*innen gemeinsame Strategien, um sich auch in Zukunft mit Erfolg für eine bessere Lebensrealität für Jugendliche in der Region einzusetzen. Auf Stoffen dokumentierten die einzelnen Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse und fügten sie am Ende zu einem Gesamtergebnis zusammen - zu einem Zug der Zukunft für die Jugendlichen in Mittelamerika und Mexiko.

„Mit dem Jugendaustausch haben wir zum einen das Ziel verfolgt, herauszufinden, wo die Jugendlichen zurzeit stehen und wo wir strategisch nachrüsten können, um sie auf ihrem Weg noch besser unterstützen zu können. Zum anderen möchten wir gerne die Jugendlichen auch auf regionaler Ebene miteinander vernetzen und Synergien schaffen“, berichtet Karin Eder, Büroleiterin in Mittelamerika und Mexiko. Und so reisten die Jugendlichen nach fünf intensiven und interessanten Tagen wieder zurück in ihre Heimatländer. Dabei nahmen sie in ihrem Koffer viele neue Freundschaften aus der ganzen Region und kreative Ideen und Strategien für die Reise für das Leben und die Gleichheit mit.

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