06. Dezember 2017

Eine Notunterkunft für zurückgekehrte Arbeitsmigrantinnen

Für viele nepalesische Frauen endet die Hoffnung auf ein besseres Leben als Arbeitsmigrantin im Ausland in einem Alptraum. Prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse, Ausbeutung und sexueller Missbrauch gehören zum traurigen Alltag. Unsere Partnerorganisation Pourakhi unterstützt in einer Notunterkunft Betroffene bei der Rückkehr. Unsere Kolleginnen haben die Notunterkunft besucht und mit Betroffenen und Mitarbeiterinnen gesprochen.

Mitarbeiterinnen von Pourakhi und AWO International mit zurückgekehrten Migrantinnen in der Notunterkunft.Mitarbeiterinnen von Pourakhi und AWO International mit zurückgekehrten Migrantinnen in der Notunterkunft. (Foto: AWO International)

Hektisch packt Reshna ihre Sachen zusammen. Die letzten Kleidungsstücke werden noch schnell in den Koffer gepackt, bevor sie wieder nach Hause zu ihrer Familie in den Westen Nepals fährt. Seit mehr als einem Jahr hat sie ihre vier Töchter und Söhne nicht gesehen und in dieser Zeit kaum Kontakt zu ihnen gehabt. Die 38-jährige Reshna ist eine von knapp eine Million nepalesischen Frauen, die in der Hoffnung auf bessere Arbeitsmöglichkeiten ihr Land verlassen hat. 80 Prozent von ihnen gelangen über irreguläre Wege ins Ausland. Für die Frauen, welche oftmals nur die Grundschule abgeschlossen haben, erscheinen die komplexen bürokratischen Prozesse über offizielle Wege oftmals wie unüberwindbare Hürden.

Schlepperbanden und Menschenhändler machen sich dies zunutze und bieten interessierten Migrant*innen an, ihnen für wenig Geld und ohne größere bürokratische Umwege Arbeit im Ausland zu vermitteln. Reshna musste „nur“ 15.000 nepalesische Rupien (ca. 120 Euro) als Vermittlungsgebühr zahlen. Nur unzureichend informiert über die Risiken und Gefahren und ohne Sprachkenntnisse arbeiten die Frauen meist als Hausangestellte in Malaysia, Indien oder den Golfstaaten unter prekären Bedingungen: Ausbeutung, Missbrauch und sogar Folter sind keine Seltenheit. Für viele Frauen endet der Arbeitsaufenthalt im Ausland traumatisch.

Auch Reshna musste diese Erfahrung machen. Vor 14 Monaten wurde sie von Nepal über Indien nach Saudi-Arabien gebracht und arbeitete hier fortan für eine 11-köpfige Familie als Hausangestellte. Reshna wurde Opfer sexueller Gewalt. Man kann nur erahnen, welche Strapazen sie in den letzten Monaten durchlebt haben muss. Nur selten schaut sie beim Gespräch auf. Vor drei Tagen ist Reshna in der Notunterkunft für Arbeitsmigrantinnen unserer Partnerorganisation Pourakhi angekommen und wird nun zu ihrer Familie zurückkehren.

Seit 2009 existiert die Notunterkunft und hat seitdem 2.102 (Stand November 2017) Frauen Schutz und Hilfe geboten. Allein in diesem Jahr wurden bereits 223 zurückgekehrte Migrantinnen betreut. Mit ursprünglich nur drei Betten begonnen, können nun bis zu 20 Frauen gleichzeitig aufgenommen werden. Zehn Angestellte kümmern sich um die zurückgekehrten Migrantinnen. Vier Betreuerinnen leben in der Notunterkunft, um eine 24-Stunden-Versorgung zu gewährleisten. Nachdem die Frauen vom Flughafen zur Unterkunft gebracht werden erfolgt eine erste medizinische Untersuchung und Aufnahme ihres Falles. Wenn nötig, werden sie zur Weiterbehandlung in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht. In einigen Fällen ist dies nötig, da viele der Frauen aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen mental nicht stabil sind und weitergehende Betreuung benötigen.

Betreuung, Fürsorge und Beratung

Oftmals reicht es jedoch aus, den Frauen in der Notunterkunft durch Fürsorge und Beratung zur Seite zu stehen. Die Mitarbeiter*innen versuchen mithilfe der zurückgekehrten Migrantinnen Familienangehörige zu kontaktieren und eine Rückreise in die Heimatgebiete zu organisieren. Meist dauert dies zwei bis drei Tage, teilweise bleiben die Frauen aber auch bis zu einer Woche in der Unterkunft. In dieser Zeit erhalten sie kostenfreie Verpflegung, eine sichere Unterkunft und werden auf ihre Rückkehr vorbereitet. Spezielle Unterhaltungsangebote wie Gartenarbeit oder Strickkurse runden den Alltag ab und sollen helfen die Frauen in einen geregelten Alltag zurückzuführen.

Die hohe Zahl von zurückkehrenden Arbeitsmigrant*innen verdeutlicht, wie wichtig dieses Projekt ist und wie notwendig eine seriöse und kompetente Beratung zum Thema Migration. „Niemand sollte ohne die notwendigen Papiere, Visa und Informationen ins Ausland gehen und dort arbeiten. Niemand“, sagt uns Reshna zum Abschied.

Seit 2012 arbeiten wir mit der nepalesischen Partnerorganisation Pourakhi zusammen mit dem Ziel, durch gezielte Informations-, Beratungs- und Medienarbeit eine sichere Migration zu fördern und rückkehrende Migrantinnen bei der Wiedereingliederung zu unterstützen.

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