18. Dezember 2016

Eine der gefährlichsten Migrationsrouten der Welt

Die Migrationsroute von Zentralamerika über Mexiko in die USA gehört zu den gefährlichsten auf der Welt. Zum Internationalen Tag der Migrant*innen berichten wir über Fluchtursachen, Gefahren und über unsere Arbeit mit unseren Partnerorganisationen vor Ort.

Zentralamerikanische Mütter auf der Suche nach ihren auf der Flucht verschwundenen Kindern.Zentralamerikanische Mütter auf der Suche nach ihren auf der Flucht verschwundenen Kindern. (Foto: IMUMI)

Einem Bericht des Büros des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen zufolge sind im Jahr 2015 etwa 110.000 Menschen als Flüchtlinge oder Asylsuchende nach Mexiko oder in die USA eingereist. Es sind alarmierende Zahlen: Im Jahr 2012 waren es noch 21.000 Menschen. Innerhalb der letzten drei Jahre hat sich die Anzahl der Menschen verfünffacht. Nichtregierungsorganisationen schätzen sogar, dass jährlich etwa 400.000 Migrant*innen die mexikanische Südgrenze überqueren. Die Mehrzahl von ihnen stammt aus El Salvador, Guatemala und Honduras (Norddreieck Zentralamerika).

Armut und Perspektivlosigkeit gehören im Norddreieck Zentralamerikas zum Alltag. Im Jahr 2011 lebten nach Angaben der Weltbank 61,9 Prozent der Menschen in Honduras, 53,7 Prozent der Bevölkerung von Guatemala und 40,6 Prozent der Menschen in El Salvador unterhalb der jeweiligen nationalen Armutsgrenze. Doch nicht nur Armut gehört zu den Fluchtursachen. Die Länder des Norddreiecks zählen zu den gewalttätigsten der Welt. Zu den möglichen Gewalttaten, denen die Bevölkerung augesetzt ist, zählen sexuelle Gewalt, Erpressungen, Raub oder Entführungen von Jugendgangs.

Armut und Gewalt treiben die Menschen in die Flucht

„Die Menschen fliehen aufgrund der Armut, dem Mangel an Arbeit und nicht zuletzt aufgrund der Gewalttaten. Am schlimmsten ist für uns dabei jedoch, dass sich die Regierung ihrer Verantwortung entzieht. Es interessiert sie nicht, dass wir kein Einkommen haben und unter der Armutsgrenze leben”, fasst eine Frau aus der Gemeinde Nentón im Nordwesten Guatemalas zusammen, in welcher die Migrationszahlen besonders gravierend sind.

Gewalt droht jedoch nicht nur in den Heimatländern, sondern auch während der Flucht, welche bis zu zwei Monate dauern kann. Die Flüchtenden werden mit Überfällen von kriminellen Banden konfrontiert, welche ihnen ihre Habseligkeiten stehlen oder Erpressungsgelder für die Weiterreise verlangen. Frauen sind insbesondere von sexueller Gewalt bedroht, doch die wenigsten Übergriffe kommen zur Anklage. Und nicht zu vergessen sind die Gefahren, die durch das Geschäft mit Schleppern, so genannten “Coyotes”, entstehen. Im Jahr 2015 ist ein Fall bekannt geworden, der auch in Deutschland für Aufsehen gesorgt hat. 150 Flüchtende aus Zentralamerika drohte der Erstickungstod, da sie über 14 Stunden eingepfercht in einem LKW ohne Wasser und ohne Nahrung ausharrten, um die US-amerikanische Grenze zu überqueren. Mehrere Flüchtende seien der Ohnmacht nah gewesen, als sie gefunden wurden, und das weil sie ihr Leben skrupellosen “Coyotes” anvertraut hatten.

Die Flucht hinterlässt große Wunden bei den Zurückbleibenden

Aufatmen können die Migrant*innen mit Erreichen des Ziels oftmals nicht, in vielen Fällen droht die Abschiebung. “Ich bin drei Mal geflohen. Doch in Mexiko haben sie mich jedes Mal aufgegriffen und trotz der prekären Lebensumstände in meinem Heimatland wieder nach Guatemala abgeschoben”, erfährt ein Mitarbeiter unseres Projektpartners ECAP von einem Jugendlichen aus der Gemeinde Nentón.

Doch die Flucht birgt nicht nur ein großes Risiko für die Flüchtenden, sondern hat auch Auswirkungen auf die Gemeinden. „Die Flucht reißt Familien auseinander, zurückbleibende Frauen und Kinder haben es besonders schwer. Die Emigrierenden kümmern sich oftmals noch ein bis zwei Jahre um ihre Familien in Zentralamerika, bevor sie in Vergessenheit geraten. Es kommt nicht selten vor, dass Jugendliche sich in die Sucht flüchten”, berichtet eine Lehrerin aus der Gemeinde Nentón.

Drei Projektpartner zum Thema Migration in der Region Zentralamerika und Mexiko

Aufgrund der wachsenden Migrationsproblematik in Zentralamerika hat das Regionalbüro für Zentralamerika und Mexiko von AWO International seit 2015 drei neue Projektpartner, die sich mit dem Thema der Migration auseinandersetzen. Einer von diesen ist ECAP (Equipo de Estudios Comunitarios y Acción Psicosocial), welcher in den Gemeinden Nentón und San Martín aktiv ist. Im Rahmen von Workshops und Kampagnen soll die Gemeindebevölkerung über ihre Rechte als Flüchtende, die Migrationsrouten und ihre Gefahren aufgeklärt werden. Doch es werden nicht nur potentielle Flüchtende von der Organisation begleitet, sondern auch die Rückkehrer*innen sowie die zurückbleibenden Familien. In Selbsthilfegruppen haben sie die Möglichkeit, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen und erhalten psychosoziale Betreuung, um das Erlebte verarbeiten zu können. Zudem hilft der Projektpartner den Familien bei der Suche nach ihren vermissten Angehörigen. Hierbei baut ECAP auf ein großes Netz an Nichtregierungsorganisationen in Guatemala und Mexiko auf, welche sich alle der Migrationsproblematik verschrieben haben. Und die Unterstützung kommt in der Gemeinde Nentón gut an, so beschreibt ein Rückkehrer aus den USA: “Für mich ist es sehr wichtig, dass wir uns mit dem Thema der Migration auseinandersetzen. Viele Jugendliche planen bereits ihre Migrationsroute und das, ohne sich ihrer Rechte und den Gefahren bewusst zu sein. Wir müssen uns mit dieser Thematik beschäftigen und Aufklärungsarbeit leisten.”

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