22. März 2017

Dürre in Guatemala: Hilfsprojekt sichert die Ernährung in Champerico

Gemeinsam mit unserer Partnerorganisation ACCSS unterstützen wir die Menschen in Champerico an der Pazifikküste Guatemalas dabei, ihre Ernährung zu sichern. Unsere Kollegin Victoria Baumann hat das Projekt besucht.

Soila (links) und Yudy (rechts) sind Mitglieder des lokalen Krisenkomitees (COLRED) in der Gemeinde Colonia 20 de Octubre. (Foto: AWO International)Soila (links) und Yudy (rechts) sind Mitglieder des lokalen Krisenkomitees (COLRED) in der Gemeinde Colonia 20 de Octubre. (Foto: AWO International)

Die tropische Sonne brennt bereits kräftig auf der Haut, als ich mich am Dienstagmorgen mit den Kolleg*innen unserer Partnerorganisation ACCSS auf den Weg nach Champerico mache. Der Gemeindebezirk und die gleichnamige Kleinstadt liegen an der Pazifikküste Guatemalas, unweit der mexikanischen Grenze. Die meisten Menschen in Champerico leben von der Landwirtschaft. Kleinbäuerinnen und -bauern betreiben Subsistenzwirtschaft, um ihr tägliches Überleben zu sichern. Doch klimatische Veränderungen und der industrielle Anbau von Zuckerrohr haben die Lebensbedingungen dramatisch verschlechtert. Die Menschen befürchten, dass die Nahrungsmittel knapp werden.

Unser erstes Ziel ist die Gemeinde Colonia 20 de Octubre. Die Landschaft auf dem Weg dorthin ist trocken und staubig, gezeichnet von abgebrannten Feldern. Das liegt an den sogenannten Cañeros (Zuckerrohrfabrikbesitzer): Sie brennen die Felder ab, bevor die Zuckerrohrschneider in das verbrannte, aber immer noch glühend heiße Feld gehen, um mit der Hand jedes einzelne Zuckerrohr abzuhacken – ein Knochenjob für einen Lohn von nicht einmal 10 Euro am Tag.

Als wir in der Gemeinde ankommen werden wir herzlich von Yudy in ihrem Privathaus begrüßt. Sie ist die Präsidentin des lokalen Krisenkomitees (COLRED), das bei humanitären Krisen in der Gemeinde als erste Instanz einschreitet, um die Hilfsmaßnahmen zu koordinieren. Eingeladen sind auch Mitglieder des Komitees sowie Teilnehmer*innen des Vorsorgeprojektes von ACCSS. Wir setzen uns auf einfache Plastikhocker im Schatten ihres Hauses. Schnell komme ich mit der Gruppe ins Gespräch, welches sich nur um zwei Themen dreht: die Armut und die zunehmende Trockenheit in der Region.

Zunehmende Dürre als spürbare Folge des globalen Klimawandels

Guatemala gehört zu den zehn am stärksten vom Klimawandel betroffenen Ländern weltweit. Die Dürre in Champerico ist eine der ersten spürbaren Folgen. Zusätzlich haben Wetterphänomene wie „El Niño“, bei dem der aufgeheizte Pazifik riesige Mengen Wärme über die Luft entlässt, die Situation in Champerico stark verschlechtert. „Während im vergangenen Jahr das Wasser erst ab März spürbar knapper wurde, trocknen die Flüsse und Brunnen in diesem Jahr bereits seit Februar aus“, berichtet Yudy.

Hinzu kommt, dass Ackerland in Champerico rar geworden ist: Früher hat die Bevölkerung auf dem Land gearbeitet und Lebensmittel selbst angebaut. Doch seit die Cañeros in Champerico die Felder aufgekauft haben, um Zuckerrohr kultivieren, haben nur noch die wenigsten Bewohner*innen ein eigenes Stück Land. Gleichzeitig sind die Pachtpreise enorm gestiegen. Eine Manzana – also etwa ein Hektar Landfläche – kostet die Bewohner*innen heute umgerechnet etwa 240 Euro monatlich. Geld, welches sie dringend zum Leben brauchen, aber nicht in eine Pacht fließen lassen können.

„Von welchem Geld sollen wir leben, wenn wir kein Land und keine Arbeit haben?“, klagt Yudy. Die erdrückende Armut, die zunehmende Trockenheit und die damit einhergehenden steigenden Lebensmittelpreise führen in Champerico zu einer prekären Ernährungssituation. Um darauf zu reagieren, führt ACCSS gemeinsam mit AWO International ein humanitäres Hilfsprojekt zur Ernährungssicherung durch. Dabei werden insbesondere Frauen unterstützt. Damit die Gemeinden in Krisensituationen genügend Nahrungsmittelvorräte und eine zusätzliche Einnahmequelle haben, werden Maissilos aufgebaut, die von Frauengruppen verwaltet werden. Zusätzlich erhalten Frauen Fortbildungen, um in Gruppen ein kleines Geschäft zu eröffnen und sich so ein eigenes finanzielles Standbein aufzubauen.

Ascheregen: Der Anbau von Zuckerrohr erhöht das Krankheitsrisiko

Wir machen uns auf den Weg in die zweite Gemeinde, nach Caserío Los Ángeles. Als wir aus dem Auto aussteigen, rieselt es Ascheregen. Die Asche des verbrannten Zuckerrohrs weht in die unmittelbar angrenzenden Dörfer, der Geruch der verbrannten Pflanzen liegt in der Luft. Die Armut in Caserío Los Ángeles ist bereits auf den ersten Blick erkennbar. Die Häuser sind aus einfachen Holzwänden zusammengebaut, die von Bambusstangen zusammengehalten werden. Getrocknete Palmenblätter dienen als Überdachung, der Fußboden ist die Erde, auf dem die Häuser stehen. Es werden einfache Baumaterialien verwendet, welche leicht entzündbar sind und empfindlich auf den Asche- und teilweise sogar Glutregen reagieren. Hier kochen die Frauen auch.

Die Gruppe, mit der wir uns treffen, besteht auch hier aus Mitgliedern des COLRED und Teilnehmer*innen des Projektes von ACCSS. Sie berichten mir, dass nicht nur die Trockenheit ein gravierendes Problem in ihrer Gemeinde ist: „Während der Regenzeit ist die Dorfschule komplett überschwemmt. Die Lehrer*innen und Schüler*innen können sich den Weg durch die Schule nur über große Steine bahnen, welche sie auf den Boden legen, um mit den Füßen nicht durch das Wasser zu laufen zu müssen“, berichtet Ingrid, Mitglied im COLRED. Um auf diesen Krisensituationen adäquat reagieren zu können, werden die Mitglieder des COLRED von ACCSS aus- und fortgebildet. Sie erhalten beispielsweise Erste-Hilfe-Kurse und überarbeiten die Gemeindepläne, um im Krisenfall die betroffenen Familien sofort lokalisieren zu können. Die Regenzeit führt nicht nur zu Überschwemmungen, sondern auch zu einer Mückenplage. Die Stechmücken übertragen schwere Krankheiten wie zum Beispiel Dengue und Chikungunya. Der Verlauf beider Krankheiten ist ähnlich und geht immer mit tagelang anhaltendem hohem Fieber einher.

Seit die Cañeros in der Region Zuckerrohr anbauen, beobachtet die Gemeindebevölkerung neue Krankheitsbilder: Die Arbeiter, welche ständig den Rauch der verbrannten Zuckerrohrfelder einatmen, klagen über Lungenprobleme. Hinzu kommt, dass die Cañeros Pestizide verwenden, die ungefiltert ins Grundwasser fließen, sodass die Gemeinden das kontaminierte Wasser verwenden. „In der letzten Zeit beobachten wir, dass immer mehr Menschen an Nierenversagen sterben. Wir vermuten, dass es mit der Verunreinigung des Wassers zusammenhängt“, sagt Ingrid.

„Keine Erde für den Anbau von Basislebensmitteln“

Als wir uns auf den Weg in die dritte Gemeinde Barrio El Palmo machen, hat die Sonne ihren Höchsttand erreicht – es ist Mittagszeit. Im Schatten eines Wellblechdaches auf dem Grundstück von Daniel, dem Gemeindevertreter, erwartet uns bereits eine Gruppe von Projektteilnehmer*innen. Daniel berichtet, dass in dem Dorf etwa 220 Familien mit jeweils etwa fünf Mitgliedern leben. Der Großteil von ihnen arbeitet in der Landwirtschaft oder in der Fischerei. Doch seitdem Zuckerrohr seit etwa acht Jahren in der Region angebaut wird, fehlt es auch hier an eigenen Landflächen: „Wir haben nicht einmal mehr ein Stück Erde, um unsere Basislebensmittel anzubauen“, berichtet Daniel. Als Basislebensmittel wird in Guatemala in der Regel Mais bezeichnet, er ist Grundlage für viele einheimische Rezepte, wie beispielsweise Tortillas oder Tamales. Durch die Installation von Maissilos durch den Projektpartner ACCSS soll sichergestellt werden, dass der Gemeinde ausreichend Mais zur Verfügung steht – und das nicht nur in Krisensituationen.

Für den Anbau von Zuckerrohr werden neben Pestiziden chemische Düngemittel – sogenannte Madurantes – verwendet. Diese verbreiten sich über die Luft und das Wasser. Die Madurantes lassen andere Lebensmittel, wie Früchte, zu schnell reifen. Durch den beschleunigten Reifeprozess verlieren die Früchte zum einen ihren Geschmack, zum anderen kommen die Kleinbäuerinnen und –bauern nicht der Ernte hinterher. Die Früchte fallen verfrüht von den Bäumen und vergammeln, sodass eines der wenigen verbleibenden landwirtschaftlichen Standbeine wegbricht. Neben der Landwirtschaft bleiben den Menschen nur wenige Jobalternativen. Zwei junge Frauen berichten schüchtern, dass sie eine Anstellung in einem Restaurant gefunden hatten, doch es sei zu sexuellen Übergriffen seitens der Restaurantbesitzer gekommen.

Hilfsprojekt zu Ernährungssicherung als Hoffnungsträger

Unsere vierte und letzte Station bringt uns in die abgelegene Gemeinde Caserío Santa Rosa. Hier hat die Partnerorganisation ACCSS bereits im vergangenen Jahr ein Projekt mit Kleinbauerfamilien umgesetzt, um auf die Folgen des „El Niño“ zu reagieren. Es wurden Bewässerungsanlagen installiert, welche den Familien helfen sollten, Mais anzubauen. Heute zeigt das Projekt erste Erfolge: Während die ersten Ernten lediglich für die Subsistenzwirtschaft ausreichten, können die Familien heute einen kleinen Teil der Ernte verkaufen und so ein eigenes Einkommen generieren.

Der Treffpunkt mit der Gemeindevertretung und Projektteilnehmer*innen ist die öffentliche Grundschule. Wir kommen zu früh, sodass mir Zeit bleibt, die Umgebung zu erkunden. Schnell werden die prekären Zustände der Schule deutlich: Ein kurzer Blick in die Klassenräume reicht, um zu wissen, dass die Kapazitäten nicht für 125 Schüler*innen ausreichen. Die Fenster der Klassenzimmer sind verstaubt und eingeschlagen. Der Schulhof ist ein betonierter, trostloser Ort. Die Plumpsklos sind verdreckt und überall sind Müllberge zu finden. Ich führe anschließend ein Gespräch mit einer bunt gemischten Gruppe aus Frauen und Männern unterschiedlichen Alters. Sie machen deutlich, dass selbst eine Schulausbildung kein Garant für eine Einnahmequelle ist: „Tausende Guatemaltek*innen haben einen Schulabschluss, aber in unserem Land gibt es keine Arbeit. Was bringen drei oder vier Diplome, wenn es keine Jobs gibt“, erzählt Alfonso, ein Kleinbauer der Gemeinde.

Viele sehen Migration als den einzigen Ausweg aus der Armut und Unsicherheit. Dabei zieht es einige in andere Regionen Guatemalas, wieder andere wagen es, die gefährliche Migrationsroute über Mexiko in die USA anzutreten. Doch die Veränderungen der US-amerikanischen Politik sind auch in dem kleinen Dorf Santa Rosa spürbar. „Auswandern ist aufgrund der aktuellen politischen Situation kaum noch eine Option. Wir sind eingesperrt in einem Raum ohne Ausweg“, schildert Celestino, der Gemeindevertreter von Santa Rosa, die Lage.

Mir schlägt während des Gesprächs eine Welle der Frustration entgegen und zugleich liegt ein Hauch Kampfgeist in der Luft. Die Dorfgemeinschaft ist sehr dankbar, dass ACCSS mit der Unterstützung von AWO International Lösungen für die Nahrungsmittelknappheit im Gemeindebezirk Champerico anbietet. Zum Abschluss machen wir Fotos. Hoffnungsvoll schreiben Orquidia, Sulma und Cristina als Fotomotiv auf einen Zettel: „Es macht uns glücklich, unsere Kinder glücklich zu sehen und durch die Umsetzung des Projektes unseren Familien zu helfen, unabhängig zu sein.“

Victoria Baumann absolviert von Dezember 2016 bis Mai 2017 ein Praktikum im AWO International Regionalbüro Mittelamerika und Mexiko und unterstützt das Team vor Ort.

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