01. September 2017

Am Filmset von „La Travesía“ – Ein Film über Migration in Zentralamerika

Eine beschwerliche Reise, so lautet die deutsche Übersetzung des Spielfilms „La Travesía“, der gerade von der Filmschule ECC produziert wird. Der Film greift das Thema Migration in Zentralamerika und Mexiko auf und erzählt die Geschichten von Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben. Unsere Kolleginnen waren am Filmset – ein Bericht.

Das Fortbildungszentrum wurde von den Jugendlichen für den Filmdreh in eine Migrationsherberge verwandelt, die Außenfassade schmückt nun ein Wandbild mit dem Zug „La Bestía“.Das Fortbildungszentrum wurde von den Jugendlichen für den Filmdreh in eine Migrationsherberge verwandelt, die Außenfassade schmückt nun ein Wandbild mit dem Zug „La Bestía“. (Foto: Milton Barahona)

Die Wände des Fortbildungszentrums in der Gemeinde Las Delicias in El Salvador strahlen heute in einem anderen Glanz. Auf ihnen zu sehen ist ein großes Wandgemälde, das einen Zug mit Menschen abbildet. Es ist „La Bestía“ (auf Deutsch: das Biest) – ein Güterzug, der vom Süden Mexikos bis an die Grenze der USA fährt und für viele Migrant*innen die große Hoffnung auf den amerikanischen Traum symbolisiert. Unzählige springen täglich auf den Zug auf und wagen so die gefährliche Reise in die USA. Wir befinden uns am Filmset von „La Travesía“ (auf Deutsch: „Die beschwerliche Reise“). Der Spielfilm ist ein Höhepunkt in der Geschichte der Filmschule ECC (Escuela de Cine Comunitario). 25 Absolvent*innen, 12 professionelle Filmemacher*innen, mehr als 200 Darsteller*innen und 1 Kamera: Fünf Wochen lang arbeitete die Crew an einer gemeinsamen Vision: Einen Spielfilm zu drehen, der die unterschiedlichen Geschichten der Migrant*innen auf ihrer Route in die USA erzählt.

Reale Lebensgeschichten als Grundlage

Edith, Roberto und Hazel sind drei Charaktere des Filmes, die sich während ihrer Reise in die USA in einer Migrationsherberge treffen. Sie alle haben eine unterschiedliche Vergangenheit: Hazel beispielsweise ist transsexuell, Roberto hat bei einem Unfall mit dem Zug „La Bestía“ beide Beine verloren und sitzt im Rollstuhl. Was alle Charaktere in der Herberge gemeinsamen haben ist der Traum auf ein besseres Leben in den USA.

Das Drehbuch basiert auf realen Geschichten, die im Vorfeld von den teilnehmenden Jugendlichen zusammengetragen wurden. Denn jeder hat eine*n Nachbar*in, eine*n Freund*in oder eine*n Familienangehörige*n, der*die den Schritt in die USA gewagt hat. Jährlich migrieren Hunderttausende aus Zentralamerika über Mexiko in die USA. Es sind meist junge Männer, doch auch immer mehr Frauen wagen es, die gefährliche Reise anzutreten. Im Transit lauern zahlreiche Gefahren auf die Migrant*innen: Überfälle, Erpressungen und Entführungen gehören zum Migrationsalltag. Frauen sind insbesondere sexueller Gewalt und der Gefahr des Menschenhandels ausgesetzt. „Wir hoffen, dass wir durch unseren Film das Bewusstsein der Menschen für die Gefahren der Migration steigern können. Das Thema betrifft uns alle, trotzdem kennt kaum einer die echte Migrationsrealität“, erzählt Piedro. Er ist einer der Jugendlichen aus Guatemala, der die Filmausbildung an der ECC absolviert hat. An der Seite von Noé Valladares ist er Co-Regisseur bei der Produktion.

Die Filmschule wird seit 2009 von AWO International gefördert. Ausgehend vom Konzept der partizipativen Kommunikation bietet sie ein Kursprogramm an, bei dem Jugendliche die theoretischen und praktischen Grundlagen für die Produktion von Filmen lernen. Nachdem die Jugendlichen zunächst Kurzfilme gedreht haben, wagen sie nun mit dem Spielfilm den nächsten Schritt. Insgesamt sind 25 jugendliche Filmemacher*innen in die Spielfilmproduktion eingebunden. An der Seite einer professionellen Filmcrew wirken sie bei allen relevanten Aufgaben mit: die Kameraführung, die Ausgestaltung des Lichtes, der Ton und das Maskenbild. Auch das Set wurde von den Jugendlichen hergerichtet: „Ich war total beeindruckt, als ich an den Drehort kam. Was vorher ein Ausbildungszentrum war, hat sich durch die Kreativität der Jugendlichen in eine authentische Migrationsherberge verwandelt“, berichtet Cecilia Umul, Mitarbeiterin im Regionalbüro Mittelamerika und Mexiko, begeistert nach einem Besuch am Filmset.

Vom Theater zum Film: Authentische Emotionen vor der Kamera

Die Schauspieler*innen für den Film wurden in mehreren Castings ausgewählt. Eines dieser Castings fand in Chalatenango im Norden El Salvadors statt. Im Verlauf des Tages stellten die jugendlichen Schauspieler*innen der lokalen Theatergruppe unterschiedliche Szenen nach: ein Zusammentreffen von Migrant*innen in einer mexikanischen Herberge, ein Telefonat eines Migranten mit seiner Mutter in der Heimat, ein Überfall einer Jugendbande in einer Migrationsunterkunft oder das Auflauern von Menschenhändlern auf junge Frauen im Transit. Die Herausforderung: Die Jungschauspieler*innen kommen aus dem Theater, hier werden von ihnen große, ausdrucksstarke Emotionen abverlangt, damit selbst die*der Zuschauer*in in der letzten Reihe das Leiden, die Freude oder die Angst auf der Bühne sehen kann.

„Ich spiele seit sieben Jahren Theater, da war es für mich eine große Umstellung nun vor der Kamera zu stehen. Beim Dreh eines Kinofilms wird sehr viel mehr Natürlichkeit von uns Schauspieler*innen erwartet“, berichtet Marlon, der in seiner Rolle als Sergio ein Mitglied eines Drogenkartells spielt. Auch während des Castings wurde deutlich, wie sehr das Thema Migration die Menschen beschäftigt. Adriana, eine 15-Jährige aus der Theatergruppe, hat sich zusammen mit ihrem jüngeren Bruder auf den Weg in die USA gemacht, um ihre Mutter zu suchen. Doch die beiden wurden von der Polizei aufgegriffen und zurück nach El Salvador abgeschoben. Adriana spielt die Rolle einer Migrantin, ihre Darstellung wirkt besonders authentisch. Es sind echte Tränen, die ihr in einer Szene über die Wangen laufen.

Positive Botschaft: „In Extremsituationen siegen Menschlichkeit und Solidarität“

Nach fünf Wochen intensiver Arbeit sind alle Szenen abgedreht. Das Bild- und Tonmaterial geht in die Postproduktion, wird dort geschnitten und bearbeitet und zum fertigen Film zusammengestellt. Im kommenden Jahr soll „La Travesía“ dann auf nationalen und internationalen Filmfestivals gezeigt werden.

Trotz der schwierigen Thematik möchte der Film eine positive Botschaft vermitteln: „Wir wollen zum Ausdruck bringen, dass Menschlichkeit und Solidarität in Extremsituationen siegen, denn die Protagonist*innen unterstützen sich während ihrer beschwerlichen Reise gegenseitig und schließen Freundschaften“, fasst Noé Valladares, Direktor der mittelamerikanischen Videoschule ECC und Regisseur des Spielfilmes, den Kern des Filmes zusammen.

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