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20. Dezember 2021 • News

Hochwasserhilfe in Deutschland

Mitte Juli kam es in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zu Starkregen von bis zu 150 Litern pro Quadratmeter. Erft, Ahr und andere Flüsse traten über die Ufer und erreichten Pegelstände von bis zu acht Metern. Ganze Ortskerne wurden überflutet, Autos weggerissen und Wohnhäuser sowie auch Einrichtungen der AWO zerstört. Kindergärten konnten nicht mehr betrieben, ein Seniorenheim musste für lange Zeit evakuiert werden. Mehr als 180 Menschen starben, und Zehntausende verloren ihr Hab und Gut. Die AWO hilft in vier Bezirken und über bundesweite Hotlines.

Soforthilfe-Aktion der AWO Rheinland (Foto: AWO Bezirksverband Rheinland)

Große Naturkatastrophen sind in Deutschland eher selten, und der letzte Inlandseinsatz von AWO International liegt mit dem Elbhochwasser von 2013 schon einige Jahre zurück. Bereits damals sprach man von einem „Jahrhunderthochwasser“. Seither sind nur acht Jahre vergangen. Die Auswirkungen des Klimawandels und die damit verbundene Zunahme an Extremwetterereignissen und Naturkatastrophen sind weltweit spürbar. Die Bilder nach der Deutschland-Flut erinnern an Zyklon- und Erdbebenkatastrophen, wie wir sie aus unseren Partnerländern im Süden kennen. Das Hochwasser hat uns mit Brutalität verdeutlicht, dass der Klimawandel auch in Deutschland angekommen ist und wir auch hier nicht ausreichend auf derartige Katastrophen vorbereitet sind. 

Der Flut folgte eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Bereits kurz nach der Flut halfen AWO-Mitarbeiter*innen persönlich vor Ort. Spendengalas im Fernsehen führten zu einem Spendenrekord bei Aktion Deutschland Hilft und zum größten Einsatzfall von AWO International. In Abstimmung mit dem AWO Bundesverband gab es einen Rundruf an alle betroffenen AWO-Verbände, und bereits wenige Tage später wurden mit den Bezirksverbänden Rheinland, Mittelrhein, Niederrhein und Westliches Westfalen erste Nothilfemaßnahmen entwickelt. AWO International mobilisierte Expertise und Beteiligte des vergangenen Elbhochwassers und realisierte, gemeinsam mit der AWO Lifebalance, eine kostenlose psychologische Hotline für Betroffene und Helfer*innen der Hochwasserkatastrophe. Die Einrichtung einer weiteren Hotline zur Schuldner- und Insolvenzberatung, betrieben durch den AWO Bundesverband, folgte. Noch funktionierende Heiztrockner von der letzten Flut in Sachsen wurden kurzerhand ins Rheinland geschafft, Hochdruckreiniger und Bohrhämmer als Abbruchwerkzeug gekauft und kostenlos verliehen.  

Auch 100 Tage nach der Flut sind die Untergeschosse ganzer Orte unbewohnbar. Die meisten Läden – darunter auch Supermärkte und Apotheken – mussten ihre Standorte zumindest temporär schließen. Ein Lebensmitteleinkauf wird vielerorts zum Kraftakt. So mancher Arzt ist nun bis zu zehn Kilometer entfernt. Der AWO Bezirksverband Mittelrhein richtete daher einen Fahrdienst ein, der von Freiwilligen betrieben und von Betroffenen ohne eigenes Auto gerne angenommen wird. Familien sind von den Aufräumarbeiten und ihren Sorgen ausgebrannt. In Hagen und im Märkischen Kreis organisierte der Bezirksverband Westliches Westfalen Ferienfreizeiten für Kinder und Kuren für Familien an der Ostsee und im Sauerland. Das Angebot richtet sich an Eltern oder Großeltern, die mit ihren Kindern oder Enkelkindern eine Auszeit benötigen. Am Niederrhein wurden Familien in Not bereits frühzeitig finanziell unterstützt. Insgesamt zahlten die vier AWO Bezirksverbände in den ersten 100 Tagen nach dem Hochwasser Soforthilfen an 6590 Haushalte, also circa 15 000 Personen, aus. Davon erhielten 5247 Haushalte insgesamt 7,56 Millionen Euro aus Spenden von AWO International und Aktion Deutschland Hilft. 

In Hagen, Schleiden, Eschweiler, Siegburg, Heinsberg, Engelskirchen, Bad Neuenahr-Ahrweiler und Altenahr entstehen aktuell sogenannte Flutbüros zur Beratung von Hochwasser-Betroffenen. Hier wird bei den ausschließlich online zu beantragenden Fluthilfen der Länder unterstützt. An einigen Standorten erhalten Betroffene auch psychologische Beratung. Darüber hinaus sollen künftig nach Möglichkeit auch Einzelfallhilfen, beispielsweise zur Übernahme des Eigenanteils beim Wiederaufbau, übernommen werden. Da in Deutschland das „Nachrangigkeitsprinzip“ gilt, müssen zunächst alle Versicherungs- und staatlichen Leistungen geklärt sein.

Die Menschen leiden nach wie vor stark unter den verheerenden Auswirkungen der Flut. Viele überlegen, ihre Dörfer für immer zu verlassen. Der AWO Bezirksverband Rheinland organisierte daher einen Familientag auf einer Sommerrodelbahn und plant weitere Spielprogramme, ein Theaterprojekt für Jugendliche und einen Weihnachtsmarkt. Alles, um die Bevölkerung in dieser schweren Zeit nicht nur finanziell, sondern auch psychisch zu unterstützen. Wir danken unseren Spender*innen und Mitgliedern für ihre große Spendenbereitschaft und unseren AWO-Kolleg*innen für ihren unermüdlichen Einsatz! 

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