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23. Juni 2021 • News

Auf der Flucht vor Bandenkriminalität

In der Herberge La Sagrada Familia in Zentralmexiko finden täglich bis zu 80 Migrant*innen Zuflucht. So auch Maria* und Pablo*, die vor kriminellen Banden und Gewalt flohen und in Mexiko auf ein besseres Leben hoffen.

Die Migrantenherberge La Sagrada Familia unterstützen wir über unseren lokalen Partner UMUN. Allein im Januar und Februar 2021 teilte die Herberge fast 6.000 warme Essensrationen an Migrant*innen aus, betreute 87 Menschen juristisch und 57 psychologisch. Die Fluchtursachen sind vielseitig, werden durch die Corona-Pandemie jedoch verstärkt: Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen und Perspektivlosigkeit treiben viele Zentralamerikaner*innen in Richtung USA.

Die Herberge La Sagrada Familia im mexikanischen Apizaco liegt direkt neben den Gleisen des Güterzugs „La Bestia“. Dieser wird von vielen Migrant*innen trotz einer besonders hohen Unfallgefahr als Transportmittel genutzt. In der Herberge erhalten Migrant*innen und Geflüchtete auf der Durchreise eine Unterkunft, Verpflegung sowie medizinische Versorgung. Diejenigen, die in Mexiko bleiben wollen, erhalten juristische Beratung bei der Beantragung des Bleiberechts sowie Unterstützung bei der Arbeitssuche. Die große Mehrzahl von ihnen stammt aus Honduras, andere aus Guatemala, El Salvador, Mexiko sowie Nicaragua.

Hoffnung auf ein sicheres Leben in Mexiko

Eine davon ist Maria*. Die 31-jährige lebte mit ihrem Partner in einem der unsichersten Stadtviertel von San Pedro Sula, der zweitgrößten Stadt Honduras und einer der gefährlichsten Städte weltweit. San Pedro Sula ist bekannt für seine Bandengewalt. „Ich sah viel Schreckliches als ich dort lebte. Ich sah, wie die maras (Banden) Autos klauten, Menschen entführten, folterten und sogar töteten. Und ich sah, wie sie in unserem Haus und den Häusern unserer Nachbar*innen Waffen und Drogen versteckten“, erzählt die Honduranerin.  „Man musste immer aufpassen, nicht zwischen die Fronten zu geraten, wenn sich die Banden untereinander bekämpften oder die Polizei bei ihren Einsätzen um sich schoss“, berichtet sie und weiter: „einige meiner Nachbar*innen im Viertel wurden erschossen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.“ Mehrmals bedrohten die Bandenmitglieder auch ihren Partner. Aus diesem Grund entschlossen sich die beiden zur Flucht. Auf ihrem Weg nach Mexiko wurden ihre Dokumente von der Polizei illegal beschlagnahmt und sie wurden von einem Taxifahrer ausgeraubt, bevor sie La Sagrada Familia im Juli 2019 erreichten. Hier wurde Maria psychologisch sowie juristisch betreut, um den Asylantrag in Mexiko zu stellen. Heute lebt sie in Mexiko und befindet sich im Prozess als Flüchtling anerkannt zu werden.

Auch Pablo floh vor der Bandenkriminalität aus El Salvador nach Mexiko. Bereits kurz nach Grenzübertritt in der südlichen Region Tabasco wurde er entführt und um mehrere tausend Dollar Lösegeld erpresst. Pablo hatte kaum Geld bei sich. Um die Kontaktdaten seiner Verwandten zu erhalten, folterten ihn die Entführer und ließen ihn erst nach fünf Tagen gehen. Nach 29 Tagen auf der Flucht erreichte Pablo im Mai endlich die Herberge La Sagrada Familia. Hier kann er endlich Ruhe finden und die schrecklichen Erlebnisse verarbeiten, bevor seine Reise weiter geht – in eine hoffentlich gewaltfreie und erfolgreiche Zukunft in Mexiko.

Vielfältige Fluchtursachen

Schicksale wie das von Pablo und Maria gibt es viele. In der Herberge La Sagrada Familia finden 80 Personen gleichzeitig Platz. Sie dürfen maximal 48 Stunden bleiben. In Ausnahmefällen können auch mehr Menschen übernachten oder länger bleiben, wenn sie sich beispielsweise von einer Verletzung oder Krankheit erholen müssen. Sergio Luna, der Direktor der Herberge, bemerkt eine deutliche Zunahme der Migration im Jahr 2021: Durch die Pandemie verloren viele Zentralamerikaner*innen ihre Arbeitsplätze und sind auf der Suche nach einem besseren Einkommen im wirtschaftlich starken Norden Mexikos oder den USA. Auch die schweren Verwüstungen der Tropenstürme ETA und IOTA im November 2020 zwingen viele zur Auswanderung, da sie fast alles verloren. „Neu ist auch, dass ganze Familien migrieren. Während früher hauptsächlich die Männer auswanderten oder auch alleinstehende Frauen ohne Kinder, nehmen wir dieses Jahr immer mehr Mütter mit ihren Partnern und Kindern in der Herberge auf“, erzählt Sergio Luna weiter.

*Die Namen wurden zum Schutz der Personen geändert

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