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16. April 2020

„WIR ARBEITEN MIT HOCHDRUCK AN EINER LÖSUNG!“

Auch im Mittelmeer spürt man die Auswirkungen der Corona-­Pandemie: Durch die hohe Infektionsgefahr und die Schließung der europäischen Grenzen musste die Ocean Viking ihren Rettungseinsatz unterbrechen. David Starke, Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE Deutschland, im Interview.

David Starke, Geschäftsführer SOS MEDITERRANEE Deutschland, berichtet von den Auswirkungen auf die Hilfs­einsätze der Ocean Viking. (Foto: AWO International)David Starke, Geschäftsführer SOS MEDITERRANEE Deutschland, berichtet von den Auswirkungen auf die Hilfs­einsätze der Ocean Viking. (Foto: AWO International)

Herr Starke, welche konkreten Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Arbeit von SOS MEDITERRANEE?

Wir mussten uns schweren Herzens dazu entscheiden, unseren Rettungseinsatz mit der Ocean Viking im Mittelmeer bis auf Weiteres zu unterbrechen. Das ist ein großes Dilemma. Auf der einen Seite ist die Sicherheit unseres Einsatzes auf See, unserer Kolleg*innen an Bord und natürlich der geretteten Menschen un­sere oberste Priorität. Gleichzeitig fliehen weiterhin Menschen von Libyen übers Mittelmeer, und niemand ist vor Ort, um zu be­zeugen, wie die Situation ist und was passiert.

Wo befindet sich die Ocean Viking gerade?

Die Ocean Viking liegt seit dem 20. März in Marseille. Wir konn­ten Ende Februar noch 276 zuvor aus Seenot gerettete Menschen in Pozzallo, Sizilien, sicher an Land bringen. Danach musste sich die Crew zwei Wochen an Bord in Quarantäne begeben. Weil in dieser Zeit kein Crewmitglied Symptome von COVID­19 zeigte, durfte die Besatzung anschließend an Land. Die italienische Ge­sundheitsbehörde desinfizierte das gesamte Schiff und versiegel­te es für zwei Tage.

Was passiert jetzt?

Nach der Quarantäne hatten wir einen Crewwechsel, das Team ist frisch und einsatzbereit auf dem Schiff. Gleichzeitig nutzen wir die Zeit, um in Marseille Lebensmittel und Medikamente liefern zu lassen und auf der Ocean Viking einzulagern.

Ihr plant also, in naher Zukunft wieder zu starten?

Wir planen, so bald wie möglich in den Rettungseinsatz auf See zurück­zukehren. Wir wissen über die äußerst schwierige Lage der europäischen Küstenstaaten und sprechen unsere uneingeschränkte Solidarität mit al­len Rettungsdiensten aus. Trotz dieser angespannten Situation: Kein Mensch darf im Mittelmeer ertrinken, und es ist die Verantwortung der Europäischen Union, Seenotrettung sicherzustellen.

Wie bereitet ihr euch auf zukünftige Einsätze vor?

Durch die Zusammenarbeit mit „Ärzte ohne Grenzen“ haben wir erfahrene Partner im Umgang mit Pandemien an unserer Seite. An Bord der Ocean Viking haben wir strenge Vorschriften und Richtlinien für die Einhaltung von Hygienestandards. Gleich­zeitig haben wir ein Isolationsprotokoll, das bei entsprechenden Symptomen eines Passagiers oder einer Passagierin in Kraft tritt. Wir sind sehr gut vorbereitet, im Falle einer Coronavirus­Infek­tion im Sinne der Gesundheit des*der Erkrankten sowie im Sinne aller Beteiligten zu handeln. Zudem sind wir im Gespräch mit den Behörden und Außenministerien, bewerten stetig das Risiko für unsere Mitarbeiter*innen und arbeiten mit Hochdruck daran, schnellstmöglich wieder rauszufahren.

Werden die europäischen Küstenstädte auch in Zeiten der Corona-Krise als sichere Häfen dienen?

Die Europäische Union hat beschlossen, ihre Außengrenzen zunächst für dreißig Tage zu schließen. Dadurch haben wir kei­ne Sicherheit, dass wir gerettete Menschen in sichere Häfen bringen können. Andererseits hat­ten wir diese Sicherheit nie. Auch die Malta­Ver einbarung, nach der geret­tete Menschen in Italien und Malta an Land gebracht und von EU­Staaten aufgenommen werden sollen, war für uns eine sehr unzuverlässige Abspra­che. Allerdings werden wir trotz der aktuellen Lage in Deutschland nicht müde, die politischen Entscheidungs­träger*innen an ihre Verantwortung zu erinnern: Seerecht und damit Völ­kerrecht muss zu jeder Zeit eingehalten werden. Leben retten ist Pflicht – auch auf dem Mittelmeer! Darauf fokussie­ren wir unsere Arbeit in Deutschland – davon kann uns auch das Coronavirus nicht abhalten.

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Seit 2015 unterstützen wir die europäische Seenotrettungsorgani­sation SOS MEDITERRANEE, damit Menschen auf ihrem gefährlichen Weg von Libyen nach Europa aus der Seenot gerettet werden. In den letzten fünf Jahren konnte die Crew insgesamt 31 618 Menschen retten und in sichere Häfen bringen.

Dieses Interview erschien im weitblick "Corona"