15. Oktober 2019

Inklusiver Katastrophenschutz in Guatemala - Projektfazit

Guatemala ist eines der gefährdetsten Länder für Naturkatastrophen. Dennoch ist die Inklusion in der Katastrophenvorsorge noch viel zu wenig verankert. Unser vierjähriges Projekt am Atitlán-See sollte dies ändern - mit Erfolg.

Eine Mitarbeiterin von ACOPEDIS erklärt wichtige Symbole für den Notfall (Foto: AWO International)Eine Mitarbeiterin von ACOPEDIS erklärt wichtige Symbole für den Notfall (Foto: AWO International)

Guatemala ist laut Weltrisikobericht 2018 auf Rang 7 der gefährdetsten Länder für Naturkatastrophen. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Erdrutsche sowie Trockenheit gehören für Guatemaltek*innen fast schon zum Alltag. Viele Menschen leben an Orten, die eigentlich aufgrund ihrer Anfälligkeit für Naturkatastrophen nicht geeignet sind. Doch für einen Umzug sind die meisten zu arm. Trotz Aufklärungsarbeit durch den Staat, wissen viele Bewohner*innen in Risikoregionen nicht, wie im Notfall zu handeln ist. Besonders betroffen von solchen Unglücken sind Menschen mit körperlicher oder geistiger Einschränkung, die oftmals auf die Hilfe anderer angewiesen sind.

AWO International startete 2015 ein Projekt, um inklusive*s Katastrophenvorsorge und -management zu erreichen. Ausgewählt wurde hierfür eine besonders anfällige Region in Guatemala: die Dörfer rund um den touristischen Atitlán-See, im Zentrum des Landes, liegen teilweise am Fuße eines Vulkans und sind nach langen Regenfällen immer wieder von schweren Erdrutschen betroffen. Die Nichtregierungsorganisation ACOPEDIS – Asociación Coordinadora de Organizaciones de y para Personas con Discapacidad de Sololá – ist eine Organisation von und für Menschen mit Behinderung, die 15 Basisorganisationen in mehreren Dörfern vernetzt. Dort werden Therapien und Werkstätten für behinderte Menschen angeboten. Das gemeinsame Ziel war es, vor allem das Stigma, mit dem sich Menschen mit Behinderung in Guatemala konfrontiert sehen, zu beseitigen und die Familien in ihrem Alltag zu unterstützen.

Erste Projektphase: Schulungen für Projektpartner

Die erste Projektphase begann im Januar 2015. Zu Beginn lag der Fokus hauptsächlich auf der Ausbildung örtlicher NGOs und Schulen, die mit Behinderten arbeiteten. Dabei wurde schnell klar, dass inklusives Risikomanagement in Guatemala ein bisher unbekanntes Thema war. Selbst die Förderschulen verfügten meist nicht über einen ausgearbeiteten Notfall- oder Evakuationsplan. Über die zwei Jahre der ersten Projektphase bekamen die Mitarbeiter*innen der sozialen Vereine und Organisationen sowie die Lehrer*innen daher eine intensive Einführung: Sie lernten mögliche Gefahren zu erkennen, sichere Orte auszumachen und richtige Verhaltensweisen für den Notfall und die Unterstützung der Hilfsbedürftigen. Zudem wurde ACOPEDIS auch von der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr unterstützt, indem diese Erste-Hilfe-Kurse und eine Einführung in Suchaktionen für verschüttete Personen anboten.

Zweite Projektphase: Individuelle Notfallpläne

In der zweiten Phase von Mitte 2017 bis Anfang 2018, konzentrierte sich unsere Arbeit auf Familien mit behinderten Angehörigen. Die Mitarbeiter*innen von ACOPEDIS besuchten knapp 200 Familien in den Gemeinden um den Atitlán-See, um diese in Katastrophenschutz auszubilden. Zusammen mit den Expert*innen wurden individuelle Notfallpläne für sie erarbeitet. Auf diese Weise konnten sie lernen, wie im Falle einer Naturkatastrophe zu reagieren ist und wie sie sich um ihre körperlich oder geistig eingeschränkten Angehörigen kümmern müssen. Zudem wurde in der zweiten Projektphase ein stärkerer Schwerpunkt auf die Lobbyarbeit gesetzt, um lokalen und regionalen Regierungen gezielt die Relevanz unseres Projektes näher zu bringen. Dadurch entschlossen sich weitere Familien sowie körperlich eingeschränkte Personen den Schritt in den Gemeinderat zu wagen, um sich für die Rechte behinderter Menschen stark zu machen.

Dritte Projektphase: Von der Theorie in die Praxis

In der letzten Phase von 2018 bis Mitte 2019 lag der Fokus auf den Gemeinden und der lokalen Bevölkerung. In den vier Modellgemeinden Sololá, Panajachel, San Lucas Tolimán und San Pedro La Laguna, erstellten wir Karten, um Haushalte mit behinderten Personen zu verzeichnen. Die lokalen Organisationen zur Katastrophenvorsorge wurden dabei immer involviert, damit sie im Ernstfall an diese Haushalte denken. Auch die Gemeindevorstände, freiwillige Helfer und engagierte Nachbarn wurden über das inklusive Krisenmanagement aufgeklärt. Wir prüften, und renovierten im Bedarfsfall, zudem die Notunterkünfte in den Gemeinden auf ihre Behindertenfreundlichkeit, um den Ansprüchen gerecht zu werden und für ein sicheres Umfeld zu sorgen. Um die Tauglichkeit der erarbeiteten Notfallpläne zu testen, simulierten wir Ernstfälle. Mit Erste-Hilfe-Kurse schulten wir die Familien und ihre Nachbar*innen dafür, ihren Angehörigen erste medizinische Hilfe leisten zu können.

Das Fazit

Zum Projektende organisierten wir im Juli 2019 eine Abschlussveranstaltung in Panajachel, am Ufer des Atitlán-Sees, zu der die teilnehmenden Familien, NGO-Mitarbeiter*innen, Gemeindemitglieder sowie Repräsentant*innen des nationalen Katastrophenschutzes eingeladen wurden. Durch die Abschlussevaluation mit den Zielgruppen wurde klar, wie wichtig dieses Projekt war: „Wenn früher ein Erdbeben oder ähnliches war, sind alle aus dem Haus gerannt und haben mich manchmal vergessen und mich alleine in der Gefahr zurückgelassen“, erzählt Manuel Yojcom, der im Rollstuhl sitzt und teilweise gelähmt ist. Mittlerweile haben seine Familienmitglieder gelernt, wie sie im Falle einer Notfallsituation zu handeln haben. Jetzt sind die Rollen klar verteilt - jeder weiß, was im Ernstfall zu tun ist. Auch Marta Sotz, Mutter eines behinderten Sohnes, findet das Projekt wichtig. „Wir sind früher einfach nach Draußen gerannt. Heute verstehen wir die Merkmale eines sicheren Rückzugortes und haben immer einen Notfallrucksack bereitstehen, den wir zum Glück noch nicht benutzen mussten“, erzählt die 28-jährige.

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