03. Juli 2019

Ein Jahr nach dem Vulkanausbruch

Am 3. Juni 2018 brach der Feuervulkan Fuego südlich von Guatemala-Stadt aus und begrub ganze Dörfer. Tausende Familien verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Wie geht es diesen Menschen ein Jahr nach der Tragödie?

Trauma-Bewältigung durch ein Kunstprojekt: Unsere Partnerorganisation ECAP leistet psychosoziale Hilfe in den Notunterkünften. (Foto: AWO International)Trauma-Bewältigung durch ein Kunstprojekt: Unsere Partnerorganisation ECAP leistet psychosoziale Hilfe in den Notunterkünften. (Foto: AWO International)

Der 3. Juni 2018 wird vielen Menschen aus den Gemeinden rund um den Feuervulkan Fuego in Erinnerung bleiben. Der Sonntag begann gewöhnlich: Die Bewohner*innen gingen zum Gottesdienst und bereiteten das Familienessen vor. Gegen 11 Uhr vormittags spuckte der Vulkan erstmals Asche und Geröll in die Höhe. Noch machte sich niemand  große Gedanken darüber, denn der Vulkan gehört zum Alltag der Menschen und es kommt häufiger vor, dass es kleinere Eruptionen gibt.

Um 15:30 Uhr kam es jedoch zu einem massiven Vulkanausbruch: Eine tödliche Mischung aus Asche, giftigen Gasen, Gesteinsbrocken und Schlamm trat aus und raste mit einer Geschwindigkeit von mehr als 100 Kilometer die Stunde auf die umliegenden Gemeinden zu. Die bis zu 900 Grad heiße Lava begrub ganze Dörfer. Besonders schwer getroffen wurden die Gemeinden El Rodeo, La Trinidad und San Miguel Los Lotes. Letztere wurde komplett von Schlammlawinen begraben. Der Vulkanausbruch forderte insgesamt 202 identifizierte Todesopfer – 229 Menschen werden bis heute vermisst. Es war der tödlichste Ausbruch seit 40 Jahren. Über 4.000 Personen kamen in Notunterkünften unter.

Hilfe für die Betroffenen

AWO International ist schon seit vielen Jahren in der Region tätig und konnte gemeinsam mit den Partnerorganisationen  ECAP und ACCSS umgehend humanitäre Hilfe leisten. Aber auch nach der ersten Nothilfe waren wir für die betroffenen Menschen da: Zusammen mit ECAP haben wir psychosoziale Betreuung in den Notunterkünften sowie Präventionsarbeit zur geschlechtsspezifische Gewalt geleistet.

Ein Jahr nach dem Ausbruch ging das Projekt nun zu Ende. In der Notunterkunft in Escuintla, in welcher aktuell immer noch 450 Familien (etwa 2.250 Personen) in Holzbaracken leben, startete unsere Partnerorganisation ECAP zwei Kunstprojekte in Zusammenarbeit mit einer Kunstschule aus der guatemaltekischen Hauptstadt. Ziel war es, dass besonders die Frauen aus der Notunterkunft eine Möglichkeit haben, das Erlebte zu verarbeiten und gleichzeitig eine Beschäftigung außerhalb ihres Alltags zu haben.

Die ehemaligen Bewohner*innen von San Miguel Los Lotes, El Barrio und La Trinidad erarbeiten zwei vier Meter lange Gemälde auf Leintuch, welches ihr Leben vor und nach dem Vulkanausbruch darstellt. Die Gemälde zeigen den Dorfalltag am Fuße des Vulkans – von spielenden Kindern über Beerdigungen ist alles zu sehen. Es zeigt auch, wie der Vulkanausbruch wahrgenommen wurde und wie der dicke, graue Schlick die Häuser unter sich begräbt. Ebenfalls verewigt finden sich die Holzbarracken, in denen die Bewohner aktuell leben. Im letzten Teil des Leintuchs zeigt dann ein zukünftiger Blick auf die von der guatemaltekischen Regierung gebauten Häuser, in denen in den kommenden Monaten immer mehr Familien einziehen sollen.

Ein neuer Anfang

Diese Häuser baut der Staat aktuell für tausend Familien direkt auf dem Gelände der Baracken-Stadt in Escuintla. Die bunt gestrichenen Häuschen sind gerade einmal 42 Quadratmeter groß (zwei Schlafzimmer, ein Wohn-/Essbereich und ein Bad) und verfügen über kleine Gärten, die zum Anbau von Lebensmitteln oder zur Erweiterung der Wohnräume verwendet werden können. Für viele Familien bedeuten diese Häuser einen Neustart in ihrem Leben. Nach über einem Jahr in Notunterkünften mit geteilten Bädern und kaum Privatsphäre, werden sie nun endlich die eigenen vier Wände leben.

Dennoch sind mit den gestifteten Wohnräumen nicht alle Probleme aus der Welt geschaffen. Für viele Familien bleibt das heiße Klima in Escuintla ungewohnt und auch die Enge ist für diejenigen gewöhnungsbedürftig, die in ihrer ländlichen Gemeinde freie Flächen gewohnt waren. Auch die Arbeitssituation stellt für die lokalen Behörden noch ein Problem dar. Die meisten der Bewohner waren in der Landwirtschaft tätig oder in dem nahegelegenen Golfclub angestellt – in der neuen Heimat Escuintla fehlt es an Arbeitsplätzen für die Überlebenden der Katastrophe. 

Gedenken zum Jahrestag des Vulkanausbruchs

Zum ersten Jahrestag am 3. Juni 2019 wurde ein Gedenkmarsch in der sogenannten „zona zero“ (Zone Null) organisiert. Mehrere hundert Menschen machten sich zusammen auf den Weg zum Fuß des Feuervulkans, wo sich vor über einem Jahr noch das Dorf San Miguel Los Lotes befand. Es wurde sowohl an die 202 Todesopfer erinnert, als auch an die 229 Menschen, die bis heute vermisst werden und nach deren Leichnamen immer noch gesucht wird. Doch die Angehörigen geben die Hoffnung nicht auf, ihren Geliebten eine letzte Ruhestätte zu bieten.

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