30. November 2018

„Wissen ist der Schlüssel, um im Leben einen Schritt nach vorne zu machen!“

Nach zwölf Jahren endet unser Regionalprogramm zur Jugendförderung und Gewaltprävention in Mittelamerika und Mexiko, das wir in Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen umgesetzt haben. Sechs jugendliche Projektteilnehmer*innen erzählen uns von ihren Erfahrungen.

Ingrid war eine der Teilnehmerin an mittelamerikanischen Filmschule ECC. (Foto: AWO International)Ingrid war eine der Teilnehmerin an mittelamerikanischen Filmschule ECC. (Foto: AWO International)

In 12 Jahren konnten wir mehr als 400 000 Personen erreichen. Unser gemeinsames Ziel: Jugendliche und ihr Umfeld in ihren Rechten zu stärken und durch die Partizipation von Jugendlichen an gesellschaftlichen Prozessen zu einem positiven Wandel beizutragen. Zwölf Jahre, in denen wir stets im Blick hatten, ein Zeichen gegen die schwierige Lebensrealität von Jugendlichen zu setzen – eine Lebensrealität geprägt von Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit.

„Wir blicken mit Stolz auf die letzten zwölf Jahre zurück. In partnerschaftlicher Zusammenarbeit konnten wir nachhaltige Strukturen, insbesondere Jugendgruppen und -netzwerke, aufbauen, die zur Gewaltprävention beitragen und Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich weiterzubilden und als Gruppe für ihre Rechte einzutreten. Natürlich ist das Ende einer langjährigen Zusammenarbeit immer traurig. Doch gleichzeitig sehen wir, dass sowohl die Jugendlichen als auch unsere Partner gestärkt aus der Kooperation gehen und sich auch weiterhin für Jugendrechte einsetzen“, berichtet Karin Eder, Leiterin des Regionalbüros von AWO International. Unsere Arbeit in Mittelamerika und Mexiko geht natürlich weiter: Ab dem kommenden Jahr wird das Regionalbüro in Kooperation mit lokalen Partnerorganisationen  ein neues Programm zu den Schwerpunkten Migration, Jugend und Entwicklung umsetzen.

Stimmen der Jugendlichen aus den Projekten

Doch was sagen die teilnehmenden Jugendlichen selbst zum Regionalprogramm? Was haben sie gelernt? Was nehmen sie für ihr zukünftiges Leben mit? Ana Guadalupe aus Mexiko sowie fünf weitere Jugendliche aus dem Regionalprogramm haben ihre Erfahrungen mit uns geteilt.

María ist eine von ihnen. Über einen Zeitraum von sechs Jahren hat sie am Projekt unserer Partnerorganisation SODEJU/ FUNDAJU in Guatemala teilgenommen. „Mich hat das Projekt so sehr begeistert, da wir sehr viel neues Wissen erlangt haben. In der Schule sprechen unsere Lehrer*innen nur über die positiven Seiten des Lebens, doch dabei wird die eigentliche Realität vollkommen ausgeblendet. Im Projekt habe ich etwas über die Geschichte Guatemalas, Politik und über die Rechte von Jugendlichen gelernt. Das sind Themen, die mich wirklich interessieren. Heute bin ich Multiplikatorin und sogar Mitglied des Vorstandes unserer Jugendorganisation“, berichtet María. „Täglich werden wir Jugendlichen stigmatisiert, beispielsweise als Mitglieder krimineller Banden. Die Gesellschaft legt uns Steine in den Weg. Und weil wir Jugendliche sind, sprechen sie uns das Recht ab, an gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben. Doch ich weiß heute, dass sie uns damit Unrecht tun und darüber möchte ich auch andere Jugendliche aufklären. Sie sollen erfahren, dass sie Rechte haben und es sich lohnt, für diese einzustehen.“

Ana Guadalupe kommt aus der Gemeinde Gregorio Méndez im mexikanischen Bundesstaat Tabasco und nimmt seit 7 Jahren am Programm teil. „Viele Jugendliche in Mittelamerika und Mexiko rutschen in die Sucht ab oder werden gewalttätig – meist, weil sie selbst schlechte Erfahrungen im eigenen Elternhaus oder Umfeld gemacht haben. Zu Hause lernen wir, uns über die Gewalt auszudrücken. Mit Gewalt lernen wir, Konflikte zu lösen“, erzählt Ana Guadalupe. „Doch wir Jugendlichen, die am Projekt vom CJGD teilnehmen, versuchen andere Wege einzuschlagen. Wir haben gelernt, auf uns selbst Acht zu geben und dass wir nur durch die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen zu einem positiven Wandel in unserer Gesellschaft beitragen können. Daher glaube ich fest daran, dass, wenn man uns Jugendlichen einen Ort gibt, wo wir in Harmonie miteinander zusammenkommen können, wo wir uns einander vertrauen können und uns Aufmerksamkeit geschenkt wird, wir der gewaltvollen Realität Mittelamerikas und Mexikos entkommen können.“

Das erlernte Wissen als Multiplikator*in weitergeben

Auch der 18-jährige Ronald hat sich im Rahmen des Regionalprogramms zum Multiplikator fortgebildet. Seit drei Jahren nimmt er am Projekt der salvadorianischen Partnerorganisation IMU teil, welches insbesondere auf die Prävention von sexueller Gewalt gegen Frauen abzielt.

„Für mich war es eine sehr spannende Erfahrung, Multiplikator zu sein. Früher hätte ich mir niemals vorstellen können, vor einer Gruppe zu stehen und anderen Jugendlichen etwas beizubringen – vor allem nicht über so ein sensibles Thema wie die Gleichberechtigung der Geschlechter und sexuelle Gewalt gegen Frauen“, erzählt Ronald voller Begeisterung. „Doch im Rahmen des Projektes habe ich gelernt, meine eigene Meinung auszudrücken und mir gleichzeitig die der anderen anzuhören. Das sind Eigenschaften, die mir  auch in anderen Kontexten helfen, beispielsweise in der Schule“, so Ronald weiter. „Als Gruppe haben wir bereits beschlossen, dass wir auch nach dem Projekt mit IMU die Multiplikatorenworkshops weiterhin an Schulen durchführen und so zur Prävention von sexueller Gewalt gegen Frauen beitragen möchten.“

Politische Lobbyarbeit der Jugendlichen führen zum Erfolg

Das Regionalprogramm besteht aus drei Komponenten: Zum einen werden im Rahmen des Programmes Fortbildungen für Jugendliche in Themen wie Jugend- und Menschenrechte und gewaltfreie Kommunikation angeboten, um so zur Sensibilisierung der Jugendlichen beizutragen. Anschließend bilden sich die Jugendlichen als Multiplikator*innen fort, um ihr Wissen an weitere Jugendlichen und die nächste Generation weiterzugeben. Zum anderen umfasst das Regionalprogramm die Stärkung von Jugendgruppen und -netzwerken. Die dritte Programmkomponente zielt auf politische Lobbyarbeit ab, die die Jugendlichen im Zusammenschluss als Gruppen durchführen, um so einen positiven Einfluss auf lokale und nationale Autoritäten zu nehmen und sich für ihre Rechte stark zu machen.

Milton aus dem Gemeindebezirk Suchitoto in El Salvador nimmt bereits seit 2009 am Projekt unserer Partnerorganisation ACISAM teil. In Suchitoto konnten die Jugendlichen nach jahrelangen Bemühungen positive Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit lokalen Autoritäten machen: „Wir Jugendlichen in meinem Gemeindebezirk haben die Initiative ergriffen und die lokalen Autoritäten aufgefordert, uns anzuhören“, erzählt Milton. „Mit unseren lobbypolitischen Aktivitäten konnten wir einige Erfolge erzielen. Beispielsweise wurde der Haushalt hinsichtlich der jugendlichen Belange deutlich verbessert. Heute budgetiert der Gemeindebezirk Suchitoto jährlich 26.000 Dollar für jugendliche Belange ein, im Jahr 2015 waren es noch 12.000 Dollar.“

Tabus brechen: Wandel auf gesellschaftlicher Ebene

Doch die Aktivitäten der Jugendlichen führen nicht nur zu einem Wandel auf politischer, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. „In unserem Gemeindebezirk war es lange nicht angesehen, dass Mädchen und Frauen sich auf der Straße treffen oder auf dem Gemeindesportplatz Fußball spielen. Mit dem Ziel, dieses Tabu zu brechen, haben wir zum Weltfrauentag ein Volleyballturnier für Frauen in unserem Gemeindebezirk organisiert. Überraschenderweise haben unzählige Frauen von jung bis alt an diesem Turnier teilgenommen. Und das Turnier hat einen großen positiven Erfolg mit sich gebracht: Heute trauen sich die Mädchen und Frauen, sich zum Spaß auf der Straße zu treffen oder auf dem Fußballplatz Sport zu machen. Sie haben begriffen, dass auch sie ein Recht auf Spiel, Freizeit und Erholung haben“, berichtet Erick. Er kommt aus dem Gemeindebezirk Teustepe in Nicaragua. Seit 2013 nimmt er dort am Projekt unserer Partnerorganisation ADM teil. Erick erzählt, dass er aus dem Projekt insbesondere Wissen mitnimmt – Wissen, welches ihm für sein ganzes Leben dient. „Luis Caldera, der Direktor von ADM, hat immer zu uns gesagt, dass es im Leben nicht am wichtigsten ist, materielle Dinge anzusammeln, sondern sein Wissen zu erweitern. Denn Wissen ist der Schlüssel, um im Leben einen Schritt nach vorne zu machen.“

Partizipative Kommunikation als Sensibilisierungsinstrument

Zudem umfasst das Programm von AWO International ein regionales Projekt, welches in Zusammenarbeit mit der mittelamerikanischen Filmschule ECC in Mexiko, Guatemala, El Salvador und Nicaragua umgesetzt wird. Ausgehend vom Konzept der partizipativen Kommunikation bietet die Filmschule ein Kursprogramm an, bei dem Jugendliche die theoretischen und praktischen Grundlagen für die Produktion von Filmen lernen. „Ich weiß noch genau, dass der erste Workshop des Projektes am 14. Juli 2010 stattfand. Manche Dinge im Leben vergisst man nie und dieses Datum werde ich niemals vergessen. Die Möglichkeit, mit einer Videokamera zu arbeiten, öffnete uns ganz neue Türen. Zum damaligen Zeitpunkt wussten wir gerade einmal, was eine Fotokamera ist“, erzählt Ingrid, Projektteilnehmerin aus Guatemala. „Es war für mich eine Herausforderung, an dem Projekt teilzunehmen. Viele waren der Meinung, dass ich nicht in der Lage sei, bei dem Projekt mitzumachen – und das nur, weil ich eine Frau bin. Aber ich ließ mich nicht unterkriegen und habe das Projekt für mich als Chance begriffen. Und Stück für Stück konnte ich auch die anderen davon überzeugen, dass wir Frauen die gleichen Fähigkeiten wie Männer haben“, so Ingrid weiter.

Die von den Jugendlichen produzierten Filme zielen darauf ab, das eigene soziale Umfeld widerzuspiegeln. Im Anschluss präsentieren die Jugendlichen ihre Videos in ihren Gemeinden. „Wir zeigen die Filme in den Gemeinden, um sie für die in den Kurzfilmen gezeigten Probleme zu sensibilisieren und die Menschen, zur Reflexion anzuregen. Die Lernerfahrung, die die meisten Menschen aus unseren Filmen ziehen, ist, dass wir alle Verantwortung für das, was in unseren Gemeinden passiert, tragen. Es bringt nichts, wenn wir die Schuld den anderen in die Schuhe schieben, sondern wir müssen alle hinsehen und gemeinsam an einer Lösung arbeiten.“

Nachhaltig geprägt: Was folgt nach dem Regionalprogramm?

Die unterschiedlichen Projekte haben die Jugendlichen nachhaltig geprägt. Einige von ihnen wurden sogar für ihren beruflichen Werdegang inspiriert, so zum Beispiel Ana Guadalupe: „Ich studiere derzeit Medizin. Damit möchte ich erreichen, dass mein Wissen, was ich im Rahmen des Projektes erlangt habt, ergänzen kann und so in der Lage bin, auch aus medizinischer Perspektive einen Workshop für Jugendliche beispielsweise über Sexualkrankheiten zu geben.“ Auch María möchte in Zukunft weiterhin mit Jugendlichen zusammenarbeiten. Sie strebt eine Karriere als Psychologin an: „Ich würde gerne mit Jugendlichen zusammenarbeiten, die in der Vergangenheit straffällig geworden sind, und sie bei ihrer sozialen Wiedereingliederung unterstützen. Jeder Mensch hat eine zweite Chance im Leben verdient.“

„Nach zwölf Jahren intensiver Arbeit in der Jugendgewaltprävention und Jugendförderung haben wir viel gelernt. Unser neues Regionalprogramm wird sich auf das Thema Migration fokussieren. Jedoch werden wir auch in diesem Zusammenhang die Jugendgewaltprävention und Jugendförderung weiterhin mitdenken, schließlich gehören die fehlenden Perspektiven und die Gewaltsituation in Mittelamerika zu den Hauptursachen, die jährlich Tausende junge Menschen in die Flucht nach Mexiko oder die USA treibt“, so Karin Eder.

Autorin: Victoria Baumann

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