28. September 2018

Bericht vom ersten Netzwerktreffen „Nachhaltigkeitsziele in der Wohlfahrtspflege“

Am dritten Geburtstag der globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung haben 15 AWO-Gliederungen und Vertreter*innen weiterer Verbände analysiert, welche Chancen von den Nachhaltigkeitszielen für die Freie Wohlfahrtspflege ausgehen und welche Beiträge sie für ihr Erreichen leisten kann.

Nachhaltigkeitsziele in der Wohlfahrtspflege: Eine Bericht vom ersten Netzwerktreffen in Berlin (Zeichnung: Katharina Garvis)Nachhaltigkeitsziele in der Wohlfahrtspflege: Eine Bericht vom ersten Netzwerktreffen in Berlin (Zeichnung: Katharina Garvis)

Die Teilnehmer*innen des Netzwerktreffens „Nachhaltigkeitsziele in der Wohlfahrtspflege“ durchleuchteten, welche Chancen und Herausforderungen von den Nachhaltigkeitszielen für die Freie Wohlfahrtspflege ausgehen und welche Beiträge sie für ihr Erreichen leisten kann. Mehrere Impulsgeber*innen berichteten aus der Praxis und ermöglichten so einen Austausch über gesammelte Erfahrungen. 

MdB Michael Groß (SPD), Vorsitzender der AWO-Parlamentariergruppe im Bundestag, erinnerte zur Eröffnung am Beispiel der Emscher-Renaturierung in seiner Heimatregion daran, wie wichtig die Verknüpfung von Ökologie und Sozialem für die Schaffung einer lebenswerten Umgebung ist. Insbesondere der Grundsatz „Niemanden zurücklassen“, der in der Umsetzung der Agenda 2030 zentral ist, weist den Weg in der Gestaltung von Nachhaltigkeit, die alle Menschen an allen Orten einbeziehen und auf Beteiligung, nicht Belehrung, ausgelegt sein muss. Die globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung kämen jedoch in der parlamentarischen Arbeit noch zu wenig vor.

Sonja Griegat (VENRO) wies darauf hin, wie wichtig zivilgesellschaftliche Allianzen dabei sind, die Umsetzung der Agenda 2030 in Deutschland voranzubringen. Aus der Perspektive eines entwicklungspolitischen Dachverbandes ist es sehr begrüßenswert, dass sich auch Organisationen mit dem Fokus auf dem Inland für globale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung einsetzen.

Im anschließenden Impulsvortrag wies Rebecca Varghese Buchholz (Open Knowledge Foundation) darauf hin, dass die Umsetzung in Deutschland der Agenda 2030 noch nicht ambitioniert genug ist, obwohl Deutschland bestens dazu aufgestellt ist, eine Vorreiterrolle in deren Umsetzung einzunehmen. Vor allem Industrienationen müssen in der Umsetzung Verantwortung übernehmen, die mithilfe aussagekräftiger und ambitionierter Indikatoren gemessen werden muss. Die Plattform „2030Watch“ bietet neben der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung  ein ergänzendes Indikatorenset, um die Erreichung der Ziele besser überwachen und auf vernachlässigte Ziele aufmerksam machen zu können. Ihre Organisation sei jedoch keine Fachexpertin für alle Bereiche der Agenda 2030  und freue sich über Datenpatinnen und -paten, um die einzelnen SDGs mit aussagekräftigen Daten zu unterlegen. Vor allem für die Erreichung der sozialen Ziele könne die Freie Wohlfahrtspflege wertvolle Datengrundlagen beitragen.

Roman Fleißner (AWO International) zeigte in seinem Impuls die Bedeutung der Agenda 2030 für die Freie Wohlfahrtspflege beispielhaft an den Zielen 1, 3, 4, 5 und 10 auf, die viele Bereiche der Daseinsfürsorge und sozialen Sicherung aufgreifen. Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege sind deshalb Expertenorganisationen der sozialen Dimension von Nachhaltigkeit und können auch in der Nachhaltigkeitspolitik wichtige Akzente setzen. Steffen Lembke (AWO Bundesverband) wies in seinem Beitrag darauf hin, dass man sich aber auch den anderen Ziele zuwenden müsse. Auch, wenn diese für die Wohlfahrtspflege noch „Neuland“ bedeuten, so haben sie für das Wirken der Wohlfahrtspflege eine große Bedeutung: „Der Klimawandel ist beispielsweise nicht nur eine ökologische, sondern auch eine humanitäre Thematik. Eine Soziale Arbeit, welche den Klimaschutz nicht beachtet und so zu Folgen wie Klimaflucht oder Extremwetter beiträgt, untergräbt damit im Grunde die eigenen Ziele, und Werte“, so Lembke.

Im Anschluss präsentierten Impulsgeber*innen vielfältige Nachhaltigkeitsprojekte aus unterschiedlichen Bereichen: Jens Mildenberger (AWO Koblenz) berichtete vom nachhaltig bewirtschafteten, interkulturellen Gemeinschaftsgarten. Die Idee dazu entstand während eines Begegnungsprojektes und baute von Anfang an auf ehrenamtliche Beteiligung. Neben der Produktion regionaler, saisonaler Lebensmittel im urbanen Raum entsteht Platz für Garten- und Kreativworkshops, Upcycling und gemeinsamen öffentlichen Aktionen. Alle Beteiligten arbeiten daran, den „Klimagarten“ zu einem Begegnungs- und Bildungsort auszubauen.

Larissa Donges (Naturfreundejugend) stellte das Projekt „Umweltdetektive grenzenlos“ vor, das Bildungsmaterial für die Arbeit in diversen Kinder- und Jugendgruppen erarbeitet hat. Im Zentrum stehen die vier Elemente als globale Verbindung. Mithilfe einfacher Sprache, diversitätsbewusster Illustrationen, der Kombination von Naturpädagogik und Sprachförderung sowie handlungsorientiertes Lernen mit Kopf, Herz und Hand ist das Material vor allem für die außerschulische Bildung geeignet. Das Bundesjugendwerk der AWO war als Projektpartner beteiligt.

Philipp Heintze (AWO Bundesverband) berichtete vom Kooperationsprojekt „BNE in den Freiwilligendiensten“, in dem vier Verbände – die Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Naturschutzbund (NABU), die Evangelischen Freiwilligendiensten und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) das Konzept Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in den Fokus der pädagogischen Begleitung in den Freiwilligendiensten gesetzt haben.

Jana Marwitz und Michael Venker (AWO Ostwestfalen-Lippe) zeigten in ihrem Impuls, wie Umweltpädagogik strukturell und inhaltlich in Kindertagesstätten verankert werden kann. Neben konkreten Bildungs- und Umbaumaßnahmen, die den Außenbereich als Lernort unter Einbezug der Mitarbeiter*innen, Kinder und Eltern gestalten, spielt dabei auch die institutionelle Verankerung von Nachhaltigkeit in der Organisation eine wichtige Rolle. Fazit: „Nachhaltigkeit ist schwer, aber machbar!“

Petra Junghans (AWO Lemgo) berichtete davon, wie das Nachbarschafts- und Freizeitzentrum zur Plattform und Akteurin in der lokalen Fairtrade-Stadt-Bewegung geworden ist. Die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren auf lokaler Ebene war dabei entscheidend. Heute ist Lemgo eine ausgezeichnete „Faire Stadt“ und die Einrichtung veranstaltet vielfältige Aktionen, um Fairen Handel und Faire Beschaffung vor Ort zu thematisieren.

Anschließend fasste Wolfgang Schuth (AWO Sachsen-Anhalt) aus der Sicht eines Landesgeschäftsführers zusammen, welche Chancen und Herausforderungen das Umweltmanagement auf Landesverbandsebene darstellt. Dabei helfen vorhandene Strukturen des AWO-Qualitätsmanagements, auf denen aufgebaut werden kann.  Durch das Umweltmanagement werden Umweltaspekte dauerhaft in Systemen und der Organisation verankert.

Im Anschluss tauschten sich die Teilnehmenden über die Frage aus, wie sie im Jahr 2030 in ihren Verbänden arbeiten möchten. Wie sehen dabei die Rahmenbedingungen aus? Die Teilnehmenden erstellten ein optimistisches und auch realistisches Bild, welches Handlungsspielräume sowohl auf struktureller, als auch kultureller Ebene aufzeigte:

  • Die Arbeiterwohlfahrt wird darin als Verband wahrgenommen, dem Klimaschutz wichtig ist und sich als starker Lobbyverband für soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit einsetzt, Sachmittel nachhaltig und fair beschafft und den Fleischverbrauch - der hohe ökologische Kosten verursacht und eine wichtige Stellschraube im Klimaschutz darstellt - in den angeschlossenen Einrichtungen um die Hälfte reduziert hat. Energieeffizienz und die Nutzung von erneuerbaren Energien helfen zusätzlich dabei, die Umweltbelastungen der Verbandsarbeit deutlich zu reduzieren.
  • Nachhaltiges Wirtschaften und Arbeiten ist nicht nur strukturell, sondern auch kulturell im Verband verankert, Verantwortliche bekennen sich klar dazu und leben Umweltmanagement vor – Nachhaltigkeit ist im Arbeitsalltag ein Querschnittsthema und nicht verhandelbar.

Aus dieser „Vision 2030“ haben die Teilnehmenden, ganz im Sinne der Agenda 2030, mögliche Handlungsschritte abgeleitet, die mögliche Entwicklungspfade kennzeichnen:

  • Die Arbeiterwohlfahrt kann auch bei Nachhaltigkeitsthemen kraftvoll auftreten und sich neue Partner*innen und Verbündete, zum Beispiel Umweltverbände, suchen.
  • Der Verband kann dafür eintreten, dass Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte stärker in der Refinanzierung sozialer Arbeit berücksichtigt werden.
  • Einrichtungen können dabei unterstützt werden, lokale Partnerschaften für die Verpflegung mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln zu sichern und eine Debatte über die sozialen und ökologischen Kosten eines hohen Fleischkonsums anzustoßen.
  • Qualitativ hochwertige Investitionen sichern nachhaltiges, langfristiges und ressourcenschonendes Handeln ab. Dies gilt sowohl für Bau- als auch Beschaffungsinvestitionen.
  • Nachhaltigkeitsaspekte leiten Ziel- und Strategieformulierungen und entwickeln für alle Mitarbeiter*innen Verbindlichkeit im Handeln. Eine Bestandsaufnahme, zum Beispiel die Messung des ökologischen Fußabdrucks, bildet dafür eine aussagekräftige Grundlage.
  • Einrichtungs- und verbandsübergreifender Austausch, die Nutzung vorhandenen Wissens und die Entwicklung eines Bewusstseins für nachhaltiges Handeln sowie die Entwicklung von praktischen Instrumenten können dabei hilfreich sein.

Darüber hinaus erkannten die Teilnehmenden auch konkrete Schritte, die kurz- und mittelfristig umgesetzt werden können, darunter:

  • Verankerung von nachhaltigem Handeln als Bestandteil von Aus- und Weiterbildungsangeboten
  • Das papierlose Büro,
  • Ein Lieferant*innen-Check auf Nachhaltigkeit,
  • Das Bereitstellen von finanziellen Ressourcen über Projektmittelanträge
  • Vorleben von Nachhaltigkeit durch Führungspersonen und Mitarbeitende
  • Verankerung von Verantwortung für nachhaltige Entwicklung in Stellenaus und -beschreibungen
  • EMAS für Alle!

Die Ergebnisse der Zukunftswerkstatt boten Maike Beutler (AWO Bundesverband) eine ideale Grundlage, um auf die Bedeutung des Themas im Rahmen des Jubiläumsjahres 2019 hinzuweisen. So rief Gründerin Marie Juchacz bereits 1949: „Von der Leitung der Arbeiter-Wohlfahrt in ihrem Zentrum und von sehr vielen Knotenpunkten geht sichtbar der Geist des  Fortschritts aus, der notwendig ist, um mit der Zeit und ihren Erfordernissen zu gehen. Die großen Aufgaben der Gegenwart verlangen, daß man sie begreift, sich mit ihnen auseinandersetzt und dabei sofort mit Lösungsversuchen beginnt.“ Viele globale Ziele für nachhaltige Entwicklung sind mit Zielen des Verbandes bereits seit 100 Jahren deckungsgleich. Insbesondere die mit dem Jubiläums-Jahr verbundene Wertediskussion ermöglicht es, auch Aspekte von nachhaltiger Entwicklung in der Verbandsarbeit zu verankern. 

Brigitte Döcker, Mitglied des Vorstands (AWO Bundesverband), fasste im Anschluss den Tag und die Impulse zusammen und erkennt in nachhaltiger Entwicklung einen mühsamen Prozess, der vor allem durch mutige, engagierte und überzeugte Praktiker*innen angestoßen wird, die innerhalb der Verbände Wertschätzung erfahren müssen. Um einen Beitrag zur Umsetzung der globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung zu leisten, lohnt es sich, an den vielen kleinen Initiativen anzuknüpfen und gemeinsam weiterzumachen. Ingrid Lebherz, Geschäftsführerin von AWO International, teilt diese Einschätzung: „Wir haben uns sehr gefreut, wie viel auch in unserem Verband bereits in Bewegung und durch diese Tagung für alle sichtbar geworden ist. Dies reicht von den Umweltdetektiven bis zu Solardächern, Umstieg auf Öko-Strom, Gedanken zu CO²-reduzierter Ernährung – sehr beeindruckend. Ich freue mich auf die Tagung im nächsten Jahr“.

So bewerten es auch die Teilnehmenden: Sie fühlen sich nach dem Netzwerktreffen insgesamt darin bestärkt, Nachhaltigkeitsprojekte zu planen und umzusetzen und haben überwiegend neue Ideen für solche Projekte entwickelt. Sie haben neues Wissen über die SDGs gewonnen und erkennen diese als Unterstützung darin, Nachhaltigkeitsprojekte vor Ort durchzusetzen – sie werden zu Promotorinnen und Promotoren für die globale Nachhaltigkeitsagenda. Die Aspekte „Kontakte knüpfen“ und „Netzwerken“ müssen bei der Fortsetzung der Veranstaltung im kommenden Jahr, auf die sich alle Teilnehmenden freuen, jedoch stärker gewichtet werden.

Das nächste Netzwerktreffen „Nachhaltigkeitsziele in der Wohlfahrtspflege“ findet im Zeitraum 24./25. September 2019 statt – wir freuen uns über Ihr Interesse und Ihre Teilnahme!

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