22. Januar 2018

33.000 Menschen fordern eine nachhaltige Agrar- und Handelspolitik

Mit einem ohrenbetäubenden Kochtopf-Konzert fordern 33.000 Menschen bei der „Wir haben es satt!“ -Demonstration zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin die kommende Bundesregierung zu einer neuen Agrarpolitik auf. AWO International war dabei.

"Wir haben es satt!"-Demo 2018: 33.000 Demonstrierende fordern eine Agrarwende (Foto: Wir haben es satt)"Wir haben es satt!"-Demo 2018: 33.000 Demonstrierende fordern eine Agrarwende (Foto: Wir haben es satt)

33.000 Menschen demonstrierten am 20. Januar für eine nachhaltige Agrarwende und fairen Welthandel. AWO International machte dabei auf Zusammenhänge zwischen Ungleichheit, Landwirtschaft, Ernährung und Welthandel aufmerksam. „Die global aufgestellte Agrarindustrie in ihrer jetzigen Verfassung wirtschaftet nicht nachhaltig und drängt Kleinbäuerinnen und Kleinbauern an den Rand. Darüber hinaus verschieben EU-Subventionen und Freihandelsabkommen die Ungunsten zulasten des Globalen Südens und setzen falsche Produktionsanreize mit schwerwiegenden Folgen für Ökosysteme an Land und zu Wasser“, so Geschäftsführerin Ingrid Lebherz. Deshalb machte AWO International gemeinsam mit unserem Projektpartner Forum Umwelt und Entwicklung sowie dem Netzwerk Gerechter Welthandel im Rahmen des Projektes „Make Europe Sustainable for All!“ auf Zusammenhänge zwischen Ungleichheit, Landwirtschaft, Ernährung und Welthandel aufmerksam.

Die global aufgestellte Agrarindustrie in ihrer jetzigen Verfassung wirtschaftet nicht nachhaltig und drängt Kleinbäuerinnen und Kleinbauern an den Rand.

Die Stärkung lokaler Märkte und eine faire Verteilung von Gewinnen entlang globaler Wertschöpfungsketten standen dabei im Vordergrund. Darüber hinaus wirken sich ungleich verteilte Bildungschancen in Deutschland auch auf Ernährung und Gesundheit aus. Das Wissen um gesunde, nachhaltige Ernährung sowie faire und nachhaltig angebaute Produkte dürfen keine Luxusgüter werden. Eine nachhaltige und faire Landwirtschaft ist außerdem eine wichtige Grundlage zur Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsagenda, die sich unter anderem eine Reduzierung von Ungleichheiten sowie intakte Ökosysteme wie Leben an Land zum Ziel gesetzt hat.

Essen ist politisch!

„Die industrielle Land- und Ernährungswirtschaft verursacht lokal und global Probleme für Bauern, Klima, Tiere und Umwelt“, sagt „Wir haben es satt!“-Sprecher Jochen Fritz und ergänzt im Namen der über 100 Organisationen, die zur Demonstration aufgerufen haben: „Der Umbau hin zu einer umwelt-, tier- und klimafreundlichen Landwirtschaft, in der Bauern gut von ihrer Arbeit leben können, darf von der Politik nicht weiter aufgeschoben werden.“ Das Demonstrationsbündnis ruft SPD und Union auf, keine weitere Zeit mehr verstreichen zu lassen und als erste Schritte Glyphosat zu verbieten, sowie den überfälligen Umbau der Tierhaltung zu finanzieren, damit Schweine wieder Tageslicht sehen und Kühe auf Weiden grasen können.

Vor dem Agrarministergipfel im Bundeswirtschaftsministerium schlagen die Demonstranten auf ihre Kochtöpfe und fordern die Achtung der Menschenrechte, faire Handelsbedingungen und mehr Unterstützung für die ländliche Bevölkerung weltweit. Schon am Vormittag hatten die 160 Bauern, die die Demonstration mit ihren Traktoren anführen, eine Protestnote an die 70 versammelten Minister aus aller Welt übergeben. „Wir wollen raus aus der fatalen Exportorientierung und Landkonzentration, die Bauern hier und weltweit das Genick bricht“, so Fritz über die Folgen der Agrarpolitik. Allein in den letzten 12 Jahren, mussten in Deutschland ein Drittel der Höfe ihre Tore schließen.

Bündnis-Sprecher Fritz weiter: „Essen ist politisch, immer mehr Menschen erkennen das. Aber die Politik nährt eine Agrarindustrie und lässt sie auf Kosten von Umwelt, Klima und Tieren produzieren. Damit wir alle nicht langfristig die Zeche dafür zahlen, muss die GroKo den Spieß jetzt umdrehen. Diejenigen, die nachhaltig produzieren und essen, müssen belohnt werden.“

Bäuerinnen und Bauern brauchen eine zukunftsfähige Politik

Mit Blick auf den SPD-Parteitag appelliert Martin Schulz als Sprecher der Traktorfahrer an seinen sozialdemokratischen Namensvetter, endlich Mut und Klarheit für eine zukunftsweisende Agrarpolitik zu beweisen. Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Schulz sagt: „Viele Bauern haben sich schon längst auf den Weg gemacht und verändern die Landwirtschaft Tag für Tag. Leider noch ohne die Unterstützung der Politik. Wir Bauern brauchen jetzt eine zukunftsfähige Politik, die verlässliche Entscheidungen trifft und Probleme löst. Der Stillstand der alten GroKo hat zu einer Spaltung zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft geführt. Da müssen wir raus.“

Konkrete Projekte in der nächsten Legislaturperiode müssen – neben Glyphosat-Ausstieg und Umbau der Tierställe – die Kennzeichnungspflicht bei tierischen Lebensmitteln, das Verbot von Reserve-Antibiotika in der Tierhaltung und faire Marktregeln zum Schutz von Bauernhöfen sein. Außerdem muss die Zahlung von EU-Agrarsubventionen an außerlandwirtschaftliche Investoren, die immer mehr Bauern den Boden unter den Füßen wegkaufen, sofort beendet werden.

Die Großdemonstration richtet sich gegen die Agrarindustrie, nicht aber gegen Landwirte. Die konventionellen und Öko-Bauern demonstrieren auch im achten Jahr im Schulterschluss mit Lebensmittelhandwerkern und der Zivilgesellschaft gegen die fatalen Auswirkungen der intensiven industriellen Landwirtschaft. Gemeinsam zeigt das breite „Wir haben es satt!“-Bündnis Wege für eine bäuerliche Zukunftslandwirtschaft und ein gutes Ernährungssystem auf.

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